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■i RANI^EEMERKUNQEN E1NE3 PHILOSOPHEN ZUM WELTKRIEGE

Qemalt von Giacomo Qrosso

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BEN

TTO CROCE

RANDBEMERKUNGEN EINES PHILOSOPHEN ZUM WELTKRIEGE

I914 1920

*

MIT

GENEHMIGUNG DES VERFASSERS

ÜBERSETZT VON

JULIUS SCHLOSSER

AMALTHEA-VERLAG

ZÜRICH / LEIPZIG / WIEN

Alle Rechte vorbehalten C o p y r i g h t I 9 2 2 by A m al t hea - V er 1 a g,

Zürich / Leipzig / Wien Spamersche B u ch dr u ck er ei in Leipzig

„Wahrheit ist Licht, und Licht ist der Welt Leben." Croce

VORWORT DES ÜBERSETZERS

Was ein Mann wie Benedetto Croce von der höchsten Warte des Gedankens aus während des Welt- krieges gedacht, gefühlt, geäußert hat, das zu erfahren scheint mir namentlich für uns Deutsche im höchsten Grade notwendig und nützlich zu sein. Denn ich habe die feste Überzeugung (und ich meine, eine nicht mehr ferne Zukunft wird mir Recht geben), daß hier nicht nur der größte Philosoph unserer Zeit (was nicht all- zuviel besagen würde, auch den Modegötzen gegen- über) zu uns spricht, sondern überhaupt der stärkste Denker seit der ersten Hälfte des vergangenen Jahr- hunderts, dort anknüpfend, wo die letzten wirklich großen Denker, die der deutschen romantischen Philo- sophie, den Faden haben fallen lassen, und diesen wieder aufnehmend, über tote Kathederphilosophie hinweg: in seiner vierbändigen ^^Philosophie des Geistes^^ . Croce, der zeitlebens nie etwas anderes als ein einfacher Privat- gelehrter sein wollte, der jede akademische Laufbahn bewußt verschmäht und trotzdem „Schule" gemacht hat, der im Kriege seines innigen Verhältnisses zum echten deutschen Geist und Wesen halber verfemt und geschmäht worden war, der sein Land vor dem furchtbaren Wagnis, in das es geschichtliches Schick- sal trieb, solange als möglich zurückhalten wollte, dann aber stark und männlich seine Pflicht als Bürger erfüllt hat, wie, sagt das nachfolgende Buch auf jeder Seite,

vorbildlich auch für uns Deutsche dieser Mann war bis vor kurzem Unterrichtsminister des Königreichs, und daß er diese schvvrere Bürde übernehmen konnte und übernahm, ist ebenso ein schönes Zeugnis für den w^ohl- bekannten, auch von ihm selbst mit Recht betonten „buon senso" seines Volkes im stärksten Gegensatz zu gallischem Nervenkoller —, wie für sein eigenes, aufrech- tes, aber nie beirrbares nationales Fühlen. Niemals hat Croce gegen seine Überzeugung gesprochen, stets frei und offen seine Meinung gesagt, vor allem den eigenen Volksgenossen, wie dessen Verbündeten, und uns, den „Feinden" von damals, ja für diese, mitten im Kriege, mehr als einmal seine Stimme erhoben. Das ehrt ihn, wie uns, ehrt auch sein so oft gerade von den lateini- schen „Brüdern" so gründlich verkanntes und von oben herab behandeltes Land. Es ist starke, nährende, frei- lich oft auch heilsam bittere Kost, die uns hier gereicht wird, wieder im höchsten Gegensatz zu der viel ein- gänglicheren, begehrten und gerühmten des zweifellos edlen, aber auch viel weichlicheren und voreinge- nommeneren Romain Rolland. Und das brauchen ge- rade wir in diesen schwersten Tagen deutschen Ge- schehens !

Croces Aufsätze sind in verschiedenen Zeitschriften und Tageszeitungen, vor allem in der von ihm heraus- gegebenen „Critica" erschienen; gesammelt w^urden sie als ein Band der von seinem treuen Anhänger G. Ca- stellano besorgten „Pagine sparse^^ (4 Bde., Neapel, R.Ricciardi 191 9); eine Auswahl daraus bietet, mit Ge- nehmigung von Autor, Herausgeber und Verleger, der vorliegende Band. Was nun dem Übersetzer vor allem am Herzen lag, war aber, ein Mittleramt zwischen den beiden großen, in Glück und Leid stets schicksalhaft und

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einzig in Europa verbundenen Völkern, die sich eben so männlich gemessen haben, auszuüben; und darin glaubte ich, als ihnen beiden und nur ihnen, durch Blut und Sinnesart angehörig, dazu ein Bürger der zwischen ihnen liegenden Ostmark, eine gewisse Sen- dung erfüllen zu können, an dem Brückenbau mittun zu dürfen, der sie schon heute wieder einander nähert.

Ich habe es auch hier versucht, Croces unerhört kraftvollen Stil, den langen Atem seiner Perioden, in welche die sich drängenden Gedanken oft fast gewalt- sam gepref3t werden , nachzubilden , auf die Gefahr hin, ungelenk zu werden ; es schien mir für das Wesen des Denkers wichtig zu sein.

Es mag aber das nachdenkliche Wort in Erinnerung gebracht werden, das der weise Cid Hamet ben Engeli durch den Mund seines Junkers von der Mancha voll orientalischer Gelassenheit ausspricht: „Bei alledem scheint es mir, daß Übersetzen aus einer Sprache in die andere handelt es sich nicht um die Königinnen der Sprachen, Griechisch und Latein gerade so viel heißt, als wenn jemand niederländische Tapeten von der Rückseite betrachtet, wo man wohl die Figuren sieht, aber durchkreuzt von Fäden, die sie undeutlich machen, und nichts von der Glätte und dem Aussehen der Vorderseite erkennen lassen . . . Doch will ich da- mit nicht sagen, daß dieses Geschäft des Übersetzens keine löbliche Sache sei, denn es gibt schlimmere Dinge, mit denen der Mensch sich beschäftigen kann und die weit weniger Nutzen stiften."

Abbazia, im Sommer 1921.

J. S.

ALS EINLEITUNG

EIN INTERVIEW MIT B. CROCE {Corriere d'ltalia., Rom^ 13. Okt. 191 4). Ich richtete an ihn die Fragen des Tages : Gibt es zwei verschiedene und ein- ander entgegengesetzte Gesittungen? Glauben Sie an den Unterschied von Rassen und Stämmen? Glauben Sie, daß der deutsche Militarismus sich im Wider- spruch zu der modernen, industriellen Gesittung be- findet?

Croce ließ sie lächelnd über sich ergehen; auf jede Frage folgte ein Stillschweigen. Da ich mir dachte, daß dieses Stillschweigen eine Ermutigung bedeutete, fuhr ich fort: Sind Sie den Federkriegen der italieni- schen und ausländischen Zeitungen über dies Verhältnis der italienischen Kultur zum französischen und deut- schen Geiste gefolgt, über die größere Verwandtschaft, die . . .

Ja, unterbrach mich Croce ich habe diese und andere Erörterungen ähnlicher Art gelesen, nicht allein in den italienischen Zeitungen und aus ihnen, wie man sich leicht vorstellen kann, in den französischen und englischen ins gehörige Licht gestellt, sondern auch Schriftchen, Rundschreiben, Kundgebungen, offene Briefe, wie ich sie Tag für Tag von deutschen Gelehrten, Philologen und Philosophen erhalte, die auch ihrer- seits in den erwähnten Streitigkeiten Partei ergreifen und ihre Meinung oder vielmehr ihr heiß verfoch-

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tenes Glaubensbekenntnis mit vieler geschichtlicher Gelehrsamkeit und mit Darlegungen zu stützen suchen. Wollen Sie wissen, was ich davon halte?

Gerade darauf kommt es mir an.

Es ist sehr einfach. Ich betrachte das alles als Ausstrahlungen des Kriegszustandes. Es handelt sich nicht so sehr um vernünftige Erwägungen, als um den Zusammenprall von Leidenschaften ; nicht um logische Lösungen, sondern um die Bekundung nationaler An- sprüche, so edel sie auch sein mögen, nicht um wirk- liche Vernunftgründe, sondern um vorgespiegelte, von der Einbildung erzeugte ...

Demnach glauben Sie, daß diese Fragen nicht wahrheitsgemäße Lösung finden können .f'

Ich glaube, nach beendetem Krieg wird man zur Einsicht kommen , daß der Boden Europas durch einige Monate oder Jahre nicht nur unter der Last der Waffen, sondern auch unter der des Aberwitzes ge- zittert hat. Franzosen, Engländer, Deutsche und Ita- liener werden sich schämen oder werden lächeln, und für die Urteile, die sie von sich gegeben haben, um Nachsicht bitten ; sie werden sagen, daß es nicht Urteile, sondern Gefühlsausdrücke gewesen sind. Noch mehr werden wir Neutrale zu erröten haben, die wir oft, als von einer offenkundigen Sache, von deutscher Bar- barei gesprochen haben; unter allen Torheiten, als Früchten der Jahreszeiten, wird diese den Vorrang be- haupten, weil sie sicherlich die gewaltigste ist.

Sie bedauern also diesen Wettkampf gegenseitiger Verleumdung.?

Hören Sie schloß Croce -, die Philosophie der Geschichte werden wir später zu verwirklichen haben. Für jetzt wollen wir bloß auf unsere Ange-

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legenheiten achten, wie es unsere Pflicht ist, und uns auf die Ereignisse ohne Taumel und ohne Hast vor- bereiten. Sollte es uns späterhin gelingen, allen recht und allen unrecht zu geben, wie es zweifellos der künftige Geschichtschreiber tun wird, so wird das ein schöner Be- weis unserer Stärke sein. Und, glauben Sie mir, es würde uns nicht zum Nachteil ausschlagen, weil Wahrheit und Klarheit niemals schaden können. Empfiehlt man den Leuten doch, auch im Augenblick höchster Gefahr nicht den „Kopf" zu verlieren !

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ANLÄSSLICH EINER UNTERSCHRIFT De- zember igi4 {La Critica XIII). Ein geistreicher junger Mann, der Philosophie beflissen und mein guter Freund, richtet in den Spähen einer pohtischen Zeitung [Idea nazionale vom 5. Dez. 19 14) eine Art Vorladung an mich: ich solle erklären, wieso ich vor einigen Monaten meine Zustimmung zu einem Briefe erklärt hätte, gerichtet von einigen italienischen For- schern an den Leiter des Deutschen archäologischen Instituts in Rom, der einen Aufschub des Urteils über die dem deutschen Heere aufgebürdete Zerstörung des Doms von Reims verlangt hatte. Nun bin ich in Wahrheit über alles das, v^as ich, als freier Bürger, im politischen Wesen der gegenwärtigen Stunde, zu tun für gut befinde, niemand anderem als meinem Gewissen Rechenschaft schuldig, und darum habe ich bis jetzt allen Anwürfen oder vielmehr Beleidigungen gegenüber geschwiegen, die ein paar junge politische Literaten mir entgegenzuschleudern beliebten; sie scheinen zu verlangen, daß ich mit ihrem Hirn denken solle, statt mit dem meinen, wie das mein alter Brauch ist. Aber da es sich jetzt nicht darum handelt, der Mitarbeiter der Idea nazionale vielmehr ein Tages- ereignis zu einer großen philosophischen Frage auf- bauscht und eine weitläufige Untersuchung über den Wert der „Geschichte von heute" anstellt, die nicht weniger Geschichte ist als die, die „Geschichte von morgen" sein wird; da wir mithin damit das Gebiet

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der Philosophie betreten, so kann ich recht wohl und zwar in dieser Rundschau antworten. Vor allem habe ich es nicht nötig, zu erklären, daß ich die „Geschichte von heute" für eine vollkommen echte Geschichte halte, da gerade dies ein seit langer Zeit in mir ausgereifter und in meinen Büchern über die Theorie und Ge- schichte der Historiographie dargelegter Begriff ist. Allein um ihn gänzlich zu verstehen,bedarf es vieler Auf- merksamkeit und feinen Unterscheidungs Vermögens; es mißversteht ihn, wer den historischen (oder gefühls- mäßig-historiographischen) Augenblick einer Schrift oder einer Erzählung, die sich geschichtlich nennt, mit dem gefühlsmäßigen (oder rein gefühlsmäßigen) Augenblick verwechselt, der sich kraft der Einheit des Geistes ebenfalls in jener Schrift oder jener Erzählung vorfindet. Beispielsweise: Die gemäßigte Schule der italienischen Wiedererhebung unternahm es, unter dem Antrieb der nationalen Bestrebungen, das Wirken des Papsttums im Mittelalter von neuem zu überprüfen: da nun die Romantik und der liberale Katholizismus die Einsicht in jenes Wirken förderten, so verstanden jene Geschichtschreiber sehr gut, was die voltairisieren- den Geschichtschreiber nicht getan hatten , daß das Papsttum das Erbe der lateinischen Kultur an sich ge- nommen und gegen die Barbaren geltend gemacht hatte, in einer den neuen Zeiten entsprechenden Form, das heißt als christliches Römertum. „Ge- schichte von heute" und „historiographischer Augen- blick" also dadurch förderten die Schriften jener Historiker die wissenschaftliche Geschichtschreibung und brachten ihr Begriffe, die einen festen Bestandteil unserer modernen Anschauungen ausmachen. Allein jene Historiker hatten außer der Leidenschaft, die sich

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zur Geschichtschreibung erhöhte, noch eine andere: die sogenannte neuguelfische Utopie, das Papsttum als einzigen Hort des Guten, damals, jetzt und immer; und diese Utopie (die der Geschichte der liberalen katho- lischen Politik angehört) von jenem historischen Be- griff zu unterscheiden, (der, wie erwähnt, der Ge- schichte des Denkens angehört), das ist Pflicht des Kritikers ; würde er sie miteinander vermengen, so wäre er nicht imstande, jenen Schriftstellern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, vermöchte nicht einmal den Unterschied, der zwischen dem einen und dem andern im Hinblick auf ihr Verdienst als Geschichtschreiber obwaltet, erkennen, und die Troya und Capponi ver- mengten sich ihm mit den Balbo und Gioberti. Ist dies klar? Mein Freund wird freilich sagen, daß er nicht unterscheiden wolle, und ich muß wiederholen, was ich ihm in dieser Rundschau im Hinblick auf andere festumrissene Aufgaben gesagt habe : daß er da- mit irregeht und darauf verzichten muß , die Lehre von der Historiographie zu entwickeln und ihre Ge- schichte darzustellen, da diese durchaus auf dieser Grundunterscheidung ruht.

Wünscht er noch einen weiteren Beweis? Da er nicht unterscheiden will, zwischen Darlegung der Wahrheit und Gefühlsäußerung, und eine reine Ge- fühlsäußerung für ihn ebenso viel gilt als die Er- forschung der Wahrheit, weil diese, seiner Ansicht nach, nichts anderes als eine „Wahrheit der Tat nach" ist, so wäre auch seine an mich gerichtete Vorladung ungerechtfertigt; und ich könnte mich, wollte ich seine eigentümliche Ansicht mir zu eigen machen, darauf beschränken, ihm zu antworten, daß meine „Aktua- lität" mindestens ebenso viel wert sei als die seine,

2 Croce, Randbemerkungen eines Philosophen I ^7

meine Ungereimtheiten ebenso viel, als die von seiner Seite, und damit Gott befohlen! Überhaupt möchte ich meinem Freunde (v^ie andern jungen italienischen Philosophiebeflissenen) raten, sich in jenem Nach- denken zu üben, das die Unterschiede aufspürt und das ebenso nötig ist als das Bewußtsein der Einheit- lichkeit des Wirklichen, das sich, ohne jenes Nach- denken, in abstrakte Einheitlichkeit verliert. Ich möchte ihm noch einen v^eitern Rat geben : sich in jenem andern Unterscheidungsvermögen zu üben, das zwischen Phi- losophie und praktischem Tun liegt, gemeiniglich der gesunde Menschenverstand genannt wird, und ver- bietet, auf Aussprüche Piatos oder Kants zurückzu- greifen, wenn man seine Magd oder den Kutscher aus- schelten will. Der Brief, zu dem ich meine Zustimmung erklärt habe, war kein philosophischer Text, noch hatte ich ihn verfaßt; auch wäre er, hätte ich ihn geschrieben, von vielen Unterzeichneten nicht unterfertigt worden, da sie ihn möglicherweise abgeschmackt oder schul- füchsig gefunden hätten : es war ein gemeinsames Un- ternehmen, und wer in einer Versammlung für eine Tagesordnung stimmt, geht über manches Wort, das ihm überflüssig erscheint, hinweg und bescheidet sich bei manchem andern, das er im Hinblick auf seine eigenen Wünsche vermißt. Handelte man nicht also, so würden keine Tagesordnungen mehr zustande kom- men, noch wäre es möglich, sich zu irgend einem ge- meinsamen Schritt zusammenzutun. Man müßte da- heim bleiben und wissenschaftliche oder dichterische Schriften verfassen. Das, worauf es bei einem solchen gemeinsamen Schritt ankommt, ist, daß man sich sei- nen Grundgedanken aneignet; ich kann meine Ver- wunderung darüber nicht verhehlen, daß mancher über

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eine Sache so viel redet und tüftelt, deren leitender Gedanke ganz klar zutage liegt. In Italien hatte in- folge von offenkundig zurechtgemachten Telegram- men, die von einer Gruppe der Kämpfenden kamen, eine Reihe von heftigen Kundgebungen gegen die „deutsche Barbarei" eingesetzt, die die HeimatWinckel- manns so behandelten, als w'äre sie die eines Attila oder Omar; und nun wendet sich ein deutscher, seit vielen Jahren in Italien lebender Forscher, Freund und Kollege italienischer Forscher, Leiter eines wissenschaftlichen Instituts, in höflicher Form an seine italienischen Be- rufsgenossen, im Namen jener wissenschaftlichen Brüderschaft, die über den nationalen Kämpfen steht, und ersucht, man möge das Endurteil über das Vor- gehen der Deutschen vor Rheims aufschieben, bis sichere Belege darüber vorliegen. War es also nicht vollkom- men natürlich, daß einige italienische Forscher es für großherzig und pflichtgemäß ansahen, ein Wort der Zustimmung auf jene Aufforderung hin zu äußern? Die Sache mag andern ja nicht zu Gesichte ge- standen haben: aber was hat damit die Lehre vom „zeitgenössischen Wesen" aller Geschichte,* und der „Geschichte von heute", die ebenso Geschichte ist wie die „von morgen" zu schaffen? Würde der in Rede stehende Artikelschreiber einer schlechten Handlung geziehen werden, und wendete er sich an mein Billig- keitsgefühl, das Urteil so lange aufzuschieben, bis er die Belege, die jene Anklage als verleumderisch er- härten, vorlegen könne, müßte ich dann, im Namen des „zeitgenössischen Wesens" der Geschichte seine Bitte abweisen, und dem blinden Trieb des Augen- blicks gehorchend, ihn einstweilen verdammen ? Unser Brief an Prof. Delbrück mag es steht das auf einem

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andern Blatt aus politischen Gründen Mißfallen er- regt haben bei denen, die es für förderlich halten, ge- genwärtig Deutschland in düstern Farben zu malen und aus ihm ein Ungeheuer oder Schreckgespenst zu machen ; aber es erscheint mir keineswegs notwendig, dabei die Philosophie zu bemühen. Ich halte es im Gegenteil für klug, sie nicht zu bemühen; denn es könnte ihr einfallen, die Mahnung auszusprechen, daß die Therapeutik der Lügen weder für ein Einzel- wesen noch für ein Volk etwas sonderlich erquickliches hat; und die Geschichte möchte ihrerseits in Erinne- rung bringen, daß im Zeitraum der nationalen Wieder- erhebung, nach der mißlungenen Revolution von 1848/49, Nicolo Tommaseo die Italiener anspornte, aller Weichlichkeit zu entsagen und sich „ein wenig zu Kroaten machen"; desgleichen haben die besten Männer der vaterländischen und freiheitlichen Bewe- gung stets gemahnt, die Schmähungen gegen Radetzky zu unterlassen und sich wohl vor Augen zu halten, daß ebenso wie die Italiener das Recht hatten, gute italienische Patrioten zu sein, ebenso Papa Radetzky für sein Teil „ein ausgezeichneter Heerführer und ein guter österreichischer Patriot" gewesen ist.

ENTSCHEIDUNGSGRÜNDE {Italia nostra 6. Dezember 1914^). Aufrichtig gesagt, würde ich es vorziehen, wenn die Rede nochmals auf den Krieg und die Haltung Italiens kommt, meine Stimme ab-

*) C. bemerkt hierzu: Es war das eine Zeitschrift, die in jenen Tagen eine überstürzte Entscheidung der öffentlichen Meinung Italiens zugunsten einer der beiden kämpfenden Gruppen zu verhindern suchte; für mein Teil war ich überzeugt, daß Italien in einer oder der andern We se am Kriege wetde teilnehmen müssen und daß es sich lediglich um die Art und den Zeitpunkt handelte.

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zugeben, einfach abzugeben, so wie es der Brauch ist, wenn man den Schluß einer Diskussion verlangt und erhält. Ich meine sogar schon in gewissem Sinne abgestimmt zu haben, als ich meine Billigung der Ziele aussprach, die die Zeitschrift Pro Italia nostra verfolgt. Und da die Gründe dieser meiner Abstimmung nichts sonderlich Auffälliges haben, so genügt es, daß ich sie mir selbst hinreichend klar gemacht habe ; wo- zu die andern zum Überdruß wiederholen, die sie schon einige Male von gewichtigeren Stimmen als der meinen gehört haben.?

Ich will daher bloß sagen, daß ich seit dem Aus- bruch des Krieges Gelegenheit hatte, mit vielen Ita- lienern der verschiedensten Art zu reden, in Neapel und auf Reisen in andere Teile Italiens ; die Empfin- dung, die ich bei diesen Gesprächen feststellen konnte, entsprach in ihren Hauptumrissen durchaus der mei- nen : Schaudern vor diesem Krieg, der sich in einer der Geschichte ganz neuen Gestalt darstellt ; Be- wunderung und Mitgefühl für die Kraft und den Opfermut, der von allen im Kampf stehenden Völkern so reichlich bezeugt wird; die Unmöglichkeit für einen Italiener, die eine oder die andere der miteinan- der kämpfenden Gruppen anzufeinden oder (was das- selbe ist) ausschließlich und grundsätzlich mit einer von ihnen zu fühlen, und unsere eigenen Ziele selbst von ihr vertreten zu sehen; Genugtuung darüber, daß Italien nicht seinerseits dazu beigetragen habe, das fürchterliche Wirrsal noch zu vermehren; fester Entschluß, alle Anstrengungen zu machen, um uns vorbereitet zu halten, aber zugleich auch die Über- zeugung, daß unser Eingreifen nur dann und in der Art stattfinden könne, wenn uns die Notwendigkeit

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dazu zwinge; eine leise Hoffnung bei einigen zu Träumen (aber edlen Träumen) Geneigten, daß Italien, außer seine eigenen völkischen Interessen zu vertreten, zur gegebenen Zeit mit andern Völkern w^etteifern könne, dieser grauenhaften Zerstörung jeglicher Art von menschlichen Kräften ein Ende zu machen.

So habe ich zu mir gesagt: Das ist unser echtes, tiefes Volksgefühl ; es entspricht den schönen Eigen- schaften des Ebenmaßes und der Unparteilichkeit, die dem italienischen Geiste zu eigen sind, wit den besten Überlieferungen unserer Entw^icklung zu einem modernen Volk im achzehnten und neunzehnten Jahr- hundert.

Gewiß, außer daß ich solchen Unterredungen bei- wohnte, habe ich auch eine lange Reihe von Artikeln gelesen, die seit drei Monaten Italien anspornen, sich in den Krieg zu stürzen, mit den drohenden Worten (die sich ebenfalls schon seit drei Monaten wieder- holen): „Jetzt oder niemals!"; die mit fein ausgeklü- gelten Gründen beweisen, wie die Bestrebungen Italiens sich vollkommen mit denen einer der kämpfenden Gruppen decken und die ebendeshalb den Krieg an der Seite dieser Gruppe empfehlen. Wenn ich auch die aufrichtigste Hochschätzung für den patriotischen Eifer, den man zuweilen in diesen Mahnungen und hinter der Darlegung jener Gründe empfindet, aner- kenne, so kann ich mich doch nicht zu diesem krie- gerischen Kredo bekehren und habe zu seinen Apo- steln nicht allzuviel Vertrauen. Denn ich bemerke unter ihnen sehr viele, die ich in den letzten Jahren schon kennen gelernt und am Werk gesehen habe, als Improvisatoren neuer Philosophien, neuer Sozialismen, neuer Formeln in Dichtung, Malerei, Musik: ohne

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daß uns jemals neue Religionen oder Philosophien oder andere als höchst mittelmäßige Dichtungen, Ge- mälde und Tonwerke beschert worden wären. Und ich fürchte, daß sie sich jetzt mit der nämlichen un- klugen Leichtfertigkeit darauf geworfen haben, Politik und Krieg zu improvisieren, und über das Los unseres gemeinsamen Vaterlandes zu entscheiden. Mit der nämlichen unklugen Leichtfertigkeit, aber unter viel größeren Gefahren, da in jenem andern Fall die Ge- fahr bloß im unnützen Verbrauch von Papier und Druckerschwärze lag, hier aber das Schicksal Italiens auf dem Spiele steht.

Worüber ich mich aber vor allem wundere, ist der Versuch, ein Volk mit Hilfe von Vernunftgründen und Mahnungen zum Kriege zu bewegen. Der Krieg ist gleich der Liebe und dem Hasse etwas, das tausend Vernunftgründe und Mahnungen nicht zu erzeugen verstehen, aber das plötzlich, man weiß nicht wie, von selber entsteht, Seele und Körper ergreift, ihre Kräfte verhundertfacht, ihnen die Richtung gibt, und seine Rechtfertigung in sich selbst hat, durch die bloße Tat- sache, daß es da ist und wirksam wird.

Ich wünsche meinem Lande, daß es den Krieg nur dann beginnen möchte, wenn es selbstwillig auf diesen Wendepunkt von Liebe und Haß gelangt ist, der das Unterpfand des Sieges oder wenigstens e'ines ruhmvollen Ringens bedeutet. Und ich denke mit Schauder an das, was sich bei einigen Völkern ereignet hat (und die Geschichte Italiens selber bietet dafür Beispiele!), als der Krieg durch die Vernünfteleien Ungeduldiger hervorgerufen worden war.

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DEUTSCHE KULTUR UND ITALIENISCHE POLITIK {Italianostra 2y,Dex. 1914). Lieber Freund! Auch Du stimmst also in den Chor ein, den wir aus Zeitungen vernommen haben, kaum daß ich und an- dere Gelehrte den Brief des Prof. Delbrück unter- zeichnet haben ? Auch Du wiederholst, daß „wir das Unrecht begehen, unsern Forscheranteil an deutscher Philosophie und Wissenschaft, an Kant und Hegel, auf das Gebiet der Politik zu übertragen ?" Mir schien es ganz natürlich, wenn irgend ein Tagesschreiber, in gutem oder schlechtem Glauben, aus Torheit oder Böswilligkeit dergleichen in Umlauf gebracht hat; aber von Dir, der Du mich kennst, von Dir, der die Ge- wohnheit des Überlegens besitzt, hätte ich mir nicht erwartet, was ich in der Sprache Lombrosos: „Echo- gerede" oder in der Leibnitzens : „Psittazismus" nennen möchte, um zu vermeiden, es auf gut deutsch : Papa- geiengeschwätz zu nennen!

Wie doch? Wenn ich seit vielen Jahren sage und drucken lasse, daß die große Zeit des deutschen Ge- dankens, wie sie sich zwischen 1780 und 1830 abge- spielt hat, nicht mehr im besonderen Deutschland an- gehört, in derselben Art, wie die große Zeit des helle- nischen Gedankens nicht mehr dem heutigen Griechen- land, sondern der Menschheit zugehört? Und daß die Deutschen von Tieute, längst von ihr geschieden, zu ihr im nämlichen Verhältnis wie jedes andere Volk "stehen, vielleicht sogar mit einer gewissen Minder- wertigkeit anderen Völkern gegenüber, da diese Ge- danken in Italien und in England besser verstanden und fruchtbarer gewesen sind, als in Deutschland? Mein ganzes bescheidenes Tagwerk war immer darauf gerichtet, italienische Überlieferungen wieder aufzu-

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nehmen, sie mit Bestandteilen anderer Kulturen zu be- reichern und zu verschmelzen, und so die Arbeit fort- zusetzen, die auf dem Gebiet der Forschung von den Männern unserer Wiedererhebung begonnen v^^orden ist. Derart, daß die deutschen Kritiker meiner Bücher und die Professoren der deutschen Hochschulen, die von ihren Lehrstühlen herab ihre Schüler auf sie auf- merksam machen, zu bemerken pflegen, es seien „aus- gesprochen nationalistische" Bücher, und darum „mit einiger Vorsicht" zu lesen ! Selbst eine deutsche Uni- versität, die mir vor Jahren durch Zuerkennung ihrer Doktorv^ürde ihr Wohlv^ollen bezeugt hat, hob in der Begründung des Diploms hervor, daß ich propugnntor apud Italos acernmus (der schärfste Vorkämpfer auf ita- lienischem Boden), nicht der deutschen Philosophie der Gegenv^art, vielmehr derjenigen Kants und Hegels sei, sublimioris illius phHosophiae (jener höheren Phi- losophie), und setzte hinzu sui tarnen juris, das heißt „auf meine Weise". Auch habe ich italienischen Philosophiestudenten, die sich mit Stipendien nach Deutschland begaben, und mich um Rat fragten, Viel- ehe Kollegien sie belegen sollten, stets geraten, ihre Stipendien dazu zu benützen, um Deutschland kreuz und quer zu bereisen, dieses prächtige Land und seine große Zivilisation kennen zu lernen, v^as aber die Philosophie betreffe, überzeugt zu sein, daß sich in jeder italienischen Bücherei die Hilfsmittel finden, um sie zu studieren, so daß „die philosophischen Reisen sich in der Zeit und nicht im Raum abspielen."

Ich soll also in der Tat so töricht gew^orden sein, kindischerweise die Bewunderung für die großen Männer mit der politischen Parteinahme für die Län- der, in denen sie geboren sind, zu vermengen? Da

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müßte ich ja in politischer Hinsicht allen Völkern, die jetzt im Kriege stehen, zuneigen: England wegen Shakespeare, Frankreich wegen Cartesius, Rußland wegen Tolstoi, mithin sämtlichen, etwa mit Ausnahme des armen Serbiens, dessen dichterischen oder philo- sophischen Genius meine Unkenntnis mag daran schuld sein ich bisher nicht kennen gelernt habe.

Du würdest viel mehr ins Ziel treffen, wenn Du, was das heutige Deutschland anbetrifft, von meiner tiefen Bewunderung für seine politische und sittliche Kraft sprächest. Aber auch damit könntest Du mir keine Schuld nachweisen ; denn wer bewundert nicht dieses Deutschland? Es tun dies ja sogar jene, die es verabscheuen oder zu verabscheuen vorgeben; denn in diesem Abscheu liegt Neid, Eifersucht, Wider- streben — alles in allem genommen Ehrfurcht und Bewunderung; in der Abneigung liegt der Versuch gewaltsamer Gegenwirkung gegen eine selbstwillige Neigung, die allzuviel Tadel gegen uns selbst in sich schlösse. Sieh, ich war einmal leidenschaftlich für den parlamentarischen Sozialismus nach Art von Marx, später für den syndikalistischen nach Art Sorels ein- genommen, ich erwartete von dem einen wie dem andern eine Umgestaltung des gegenwärtigen Lebens. Und beide Male sah ich dieses Ideal von Arbeit und Gerechtigkeit sich auflösen und verflüchtigen. Jetzt aber ist in mir die Hoffnung auf eine in der geschicht- lichen Überlieferung beschlossene und durch sie ge- löste proletarische Bewegung erwacht, auf einen staat- lichen und nationalen Sozialismus, und ich denke, daß dieser, den die Demagogen Frankreichs, Englands und Italiens (die nicht dem Proletariat und den Arbeitern, sondern, wie mein verehrter Freund Sorel sagt, den

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„Schädlingen" [noceurs] den Weg bahnen) nicht oder nur recht übel und mit schließlichem Mißerfolg ins Werk setzen werden, vielleicht eben durch Deutsch- land hervorgebracht werden dürfte, das den übrigen Völkern ein Beispiel und Vorbild geben wird. Daher beurteile ich das Verhalten der Sozialisten in Deutsch- land wesentlich anders als ihre Genossen in Italien, und glaube, daß diese deutschen Sozialisten, die sich mit dem Staat und seiner eisernen Manneszucht völlig eins fühlen, die wahren Bahnbrecher der Zukunft ihrer Klasse sein werden.

Aber nicht einmal dies mein Urteil über das heutige Deutschland ist der Leitgedanke, der mein gegenwärtiges politisches Verhalten und meinen Beitritt zu der Gruppe Pro Italia nostra bestimmt. Denn so hoch, so erhaben auch die Kraft Deutschlands sein mag, die Verwick- lung der Ereignisse könnte uns, so wie sie uns zuerst zur Neutralität geführt hat, zwingen, zum Besten Italiens uns gegen Deutschland zu stellen. Wenn uns dieses zum Beispiel herausfordern würde, wenn es irgendwie unsere Bestrebungen bedrohte oder unsere nationale Würde antastete, so würde augenblicklich aus meiner Brust alle Bewunderung ihm gegenüber, alle unzeit- gemäße Bewunderung verschwinden, und es bliebe nichts als mein Gefühl als Italiener übrig, erregt und verschärft durch die Herausforderung. Hier ist aber der springende Punkt. Jetzt und dauernd treibt uns nicht das mindeste gegen Deutschland, so wie uns gar nichts in die Arme der übrigen kämpfenden Völker treibt. Freilich, die Einbildungskraft schafft Schreck- bilder von Gefahren im Falle eines deutschen Sieges; aber sie schafft deren ebenso für den Fall des Sieges der andern, und für alle möglichen andern Fälle. Allein

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die Einbildungskraft ist die Mutter der Furcht, und Gefahren drohen bei jeglichem Schritt im Leben; und gerade deshalb weil es Gefahren gibt, darf man nicht den Kopf verlieren und sich in den Abgrund stürzen. Gegen Deutschland werden jetzt und fortwährend nur schwache Vernunftgründe ins Treffen geführt: die der Republikaner oder der Sozialisten von der Richtung Mussolinis, von den Nationalen in das treffende Leit- wort zusammengefaßt: „Für die Demokratie, aber nicht für Italien", sowie jene der Nationalen, die sich ihrer- seits in dem andern Leitwort zusammenfassen ließen: „Für den Krieg und nicht für Italien". Beides ist allzu- wenig.

Du wirst sagen : Aber es ist doch immerhin gut, den Fall eines notwendigen Zwiespalts mit Deutschland vorauszusehen und sich darauf vorzubereiten. Ein- verstanden, vorausgesetzt, daß du hinzufügst: auch der andere Fall müsse vorausgesehen werden, der eines Zwiespalts mit den Gegnern Deutschlands, und dafür Vorbereitungen getroffen werden. Schalten wir also die beiden Sätze, die sich gegenseitig ergänzen und auf- heben, aus, so ergibt sich, daß wir über die Notwendig- keit einig sind, uns für jeden Fall gerüstet zu halten: und darin ist die übergroße Mehrheit der Italiener mit sich und mit ihrer Regierung einig.

Ich habe für meine Person gesprochen, da ich weder die Pflicht noch das Recht habe, im Namen der übrigen Mitglieder der Gruppe Pro Italia nostra zu sprechen; vielleicht sind aber die andern, oder viele von ihnen, von denselben Gedanken aus zum selben Endergebnis gelangt.

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UNVERDIENTES GLÜCK {Italia nostra 31. Jan-- ner 1915). Bekanntermaßen ist es nützlich, denen ein aufmerksames Gehör zu schenken, die eine von der unseren abweichende Ansicht vertreten, w^eil in jeder Ansicht stets irgendeine Forderung steckt, die w^enigstens in diesem ursprünglichen Leitgedanken berechtigt ist. Den Ausbruch unserer persönlichen und festbegründeten Überzeugungen, die uns oft gegen die der andern un- duldsam machen, zurückzuhalten, uns genaue Rechen- schaft von jenen Wahrheiten und jenen Forderungen geben, das heißt unsere Kräfte selbst erhöhen und sie dem Gegner nehmen.

Hier handelt es sich nun um einen Gedanken, der oft in den Gesprächen und den Schriften mancher auf- taucht, die Italien anstacheln, sich ohne v^eiteres in den europäischen Krieg zu stürzen.

Italien (sagen sie) hat sich seine Einheit nicht durch die Kraft seiner Söhne allein erworben, sondern durch die politische und militärische Unterstützung anderer Staaten, als ein für das europäische Gleichgewicht nütz- liches Gebilde. Auch während der ersten fünfzig Jahre seiner Einheit hat es keinen genügenden Beweis dafür erbracht, daß es allein vorteilhaft zu handeln verstehe. Hält es sich im gegenwärtigen Kriege abseits, so wird es, als Nichtkämpfer, moralisch noch mehr geschwächt unter den übrigen Völkern, seien sie nun Sieger oder Besiegte, dastehen. Jetzt ist der Augenblick da, um uns nicht bloß von den Beschuldigungen, die die Fremden gegen uns richten, zu reinigen, sondern (was mehr heißt) auch von denen, die wir selbst gegen uns richten, von den Anwürfen, die uns unser Gewissen macht, und die eine Art Mißtrauen und Niederge- schlagenheit in unser ganzes gesellschaftliches und

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politisches Leben bringen, gerade so wie dies im Einzel- leben eines Menschen der Fall ist, der sich gering ge- achtet fühlt und sich selber gering achtet.

Wie ich schon sagte, liegt in dem allem etwas Wahres; denn was sollten sonst die Sätze vom „Stern Italiens," von dem „geschaffenen Italien" und den „zu schaffenden Italienern" und ähnliche besagen, die gleich nach 1 860 von den Lippen der Männer der Wieder- erhebung kamen? Man könnte jedoch vielmehr die Frage aufwerfen, wieso diejenigen, die jetzt mit so harten Worten die Wunden Italiens aufdecken, sich nicht schon vorher der Schäden unseres nationalen Bestandes be- wußt geworden sind, nicht den Warnungsruf aus- gestoßen und ihre Tätigkeit auf deren Heilung ge- richtet haben? Was haben alle diese Italiener bis zum Vorabend des Krieges getan, die sich jetzt in eifernde Hüter der nationalen Ehre und in Schmähpropheten des Krieges verwandelt sehen ? In welcher Weise haben sie zu der bürgerlichen Erziehung, zum geistigen Fort- schritt, zur wissenschaftlichen Geltung, zu der politischen und sozialen Festigung des italienischen Volkes bei- getragen? Es sind das Fragen, die zu Beschwerden und Anklagen führen würden, und auf denen ich dar- um nicht weiter bestehen will, sowohl, weil ich der- gleichen für wenig nützlich halte, als auch deshalb, weil sie in diesem Fall nicht einmal dem, der sie er- hebt, den bittern Trost gewähren, sich von der Schuld, die er an andern tadelt, rein zu wissen. Die Sünden eines Volkes verbreiten sich über alle seine Glieder und lasten auf jedem wie persönliche Sünden. Es be- reitet keine Freude, wenn man sagt: Ich für mein Teil habe das getan, was ich schuldig war; oder: Ich für meinen Teil habe mich bestrebt, den Ver-

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blendeten die Augen zu öftnen. Was nützt es? Diese Verblendeten, diese Andern, diese Plebs, diese Menge sind wir dennoch selber, weil wir alle zusammen Italien sind.

Mithin wollen wir alles Unnötige und Aufreizende beiseite lassen und von dem sprechen, was gegen- wärtig nottut. Welches Übel bemerkt man denn in unserer nationalen Entwicklung.? Daß wir von 185g bis 1 870 ein Ergebnis erreicht habeii, das größer war als unsere Anstrengungen, als unsere bürgerliche und militärische Vorbereitung; wir haben in der Folge an unserem nicht ganz verdienten Glück gelitten und leiden noch daran. Sei es denn. Welches Heilmittel schlägt man uns aber jetzt vor? Daß wir, nach lange vernachlässigter Vorbereitung, nachdem wir bis gestern andere Dinge im Sinn gehabt haben, jetzt auf einmal tun sollen, was wir in Jahrzehnten nicht getan haben, daß wir mit einem Streich von Genialität und Helden- tum die verlorne Zeit einbringen, und uns begierig in den Krieg stürzen, um aus ihm geläutert hervor- zugehen, und befähigt zu den Sternen des Ruhms auf- zusteigen.

Nehmen wir nun an, die Sache gelingt uns, so ist es im übrigen sicher, daß sie uns nur mit der reich- lichen und großmütigen Mithilfe jenes Glücks gelingen kann, das uns andere Male so sehr genützt und ge- schadet hat. Und dann? Was wird die Folge des vom Glück gekrönten Unternehmens sein ? Daß wir Italiener immer mehr in unsere gewohnte Untätigkeit und Zwecklosigkeit versinken werden, voll geringen Ver- trauens in uns selbst im alltäglichen, gewöhnlichen Leben, immer auf außerordentliche Augenblicke rechnend, auf Wunder der Begeisterung, der Genialität,

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der beschwingten Worte, alles in allem, auf das Glück. Es scheint mir klar. Der unwissende Schüler, der in den der Prüfung unmittelbar vorausgehenden Tagen, ohne sich über das weise Sprichwort: „Es kommt dar- auf an, sich bestrebt zu haben, nicht bestrebt zu sein," Gedanken zu machen, eine Stegreifvorbereitung an- stellt und es mit Hilfe des Glücks erreicht, den Prüfer zu hintergehen und ein günstiges Zeugnis zu ergattern, bleibt nachher derselbe Esel wie vorher und ist sittlich noch schlechter geworden. Ich lasse dabei die Mög- lichkeit des Durchfallens unberührt, das heißt, (um wieder auf Italien zu kommen), daß uns diesmal das Glück nicht hilft, weil dies unserem Geiste ein so schauerliches Schauspiel bietet, daß man sich auf der Stelle, von Schrecken erfaßt, zurückzieht.

Alles in allem: hat Italien Schulden zu sühnen? Setzen wir den Fall. Allein kommt es vernünftigen Menschen zu, als Weg der Sühne gerade den zu wählen, der, wenn überhaupt etwas erreicht wird, da- zu führt, die Zahl der „zu sühnenden Schulden" noch zu vermehren und der selber eine dieser „Schulden" ist?

Mir scheint, daß Nachdenken über die jüngste Ver- gangenheit Italiens (mit dem üblen Ausgang aller genialen und großtuerischen Streiche, den sie uns vor Augen führt) uns zu einem ganz andern Verhalten auffordert. Haben wir Schulden abzubüßen (und wir haben dies sicherlich), so beginnen wir, möchte ich sagen, sie von jetzt an zu sühnen, in der gesunden un- mittelbaren Form der Sühne, die sie erfordern. Um uns ist der europäische Krieg? Nun gut, trachten wir ernsthaft zu sein : Fördern wir alle Anstrengungen, die auf die möglichst beste Bewaffnung und Ausbildung unseres Heeres zu Land und zu Wasser abzielen, folgen

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wir den Ereignissen, bereit mit umsichtiger Kraft zu handeln, im alleinigen Namen des Vaterlandes, denn nichts als das Vaterland steht jetzt in Frage.

Wir werden in den Krieg eintreten oder nicht: dies hängt nicht von uns ab, sondern von der Notwendig- keit, die uns die eine oder die andere Entscheidung auferlegen wird; und sollte es uns infolge des Krieges beschieden sein, noch eine weitere Sühne auf uns nehmen zu müssen, so wird, uns dies leichter fallen, weil wir uns seitdem freiwillig auf den rechten Weg der Sühne begeben haben, der die Arbeit ist.

Aber es handelt sich für jetzt nicht blof3 um den Krieg, sondern um die ganze Lebensführung. Nun wohl, wenn jetzt der mit irgendeinem Dienst Betraute (und wäre es ein Straßenkehrer!) mit größerem Eifer seine Pflicht erfüllte; wenn der Lehrende sich mit mehr Hingabe den Aufgaben seines Lehrberufs widmen wollte, und wäre dieser auch so wenig kriegerisch als die semitische Sprachkunde oder die höhere Geometrie; wenn der Schriftsteller mit größerer Aufmerksamkeit als gewöhnlich auf die Wahrheit der Tatsachen und die Logik der Gedanken in seiner Prosa achtete; wenn jeder, dem ein Amt anvertraut ist, es mit Liebe um- faßte, und sich nicht mehr bemühen wollte, wie in ver- gangenen Tagen die Bande, die ihn an dieses fesseln, zu lockern, um der eigenen Bequemlichkeit zu frönen; wenn alle diese und andere, mit deren Aufzählung man noch ein gutes Stück weiter fortfahren könnte, sich derart verhielten, würden sie der tragischen Göttin des Krieges das einzige würdige Opfer darbringen und eine geistliche Übung betätigen, die uns in den Stand setzen würde, im besten Leibes- und Geisteszustand zu sein, falls der Krieg über uns hereinbricht.

3 Ctoce, Randbsmerlnmgen eines Philosophen

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Ich bin mir bewußt, von nüchternen und langweiligen Dingen zu reden. Es ist poetischer und unterhaltender, die Sünden Italiens damit zu sühnen, daß man, wie es an der Universität Neapel geschah, einen bescheidenen deutschen Lehrer der deutschen Sprache auspfeift, und unter großen Geschrei Triest und Trient von einem verlangt, der den neapolitanischen Studenten nichts anderes bieten kann als die Anfangsgründe eines ihnen unbekannten Alphabets^) oder, wie es in Rom ge- schah, einen polnischen Lehrer der Pandekten auszu-

^) Anmerkung C.s: Der deutsche Lehrer, den ich in dieser Art, aus einem Gefühl der Gastfreundschaft heraus, gegen die studentischen Angriffe in Schutz nahm, war Dr. Klemperer, ein Forscher von vielem Verdienst, und unter anderem Verfasser eines scharfsinnigen Buches über Montesquieu. Aber er war Deutscher im verwegensten Sinn des Wortes. Das heißt un- fähig, die Psychologie und die geistige Verfassung anderer Völker zu ver- stehen. Nachdem Italien den Krieg erklärt hatte, verließ er Neapel, ohne sich von mir, nicht einmal mit einer Visitenkarte, zu verabschieden, und steuerte, nach Deutschland zurückgekehrt, zu dem vielberufenen, gegen Italien gerichteten Heft, das die Süddeutschen Monatshefte in München veröffent- lichten, einen Aufsatz mit italienischen Erinnerungen bei, in dem er alle Äußerungen abdruckte, die aus meinem Munde wie aus dem anderer Ita- liener, mit denen er verkehrt hatte, gekommen waren. Das war sicherlich nicht höflich, dafür scheint er jedoch in diesem unerlaubten Reportertum sehr peinlich gewesen zu sein, soweit ich, was mich betrifft, urteilen kann, das heißt, soviel ich darüber im Marzocco (XX. Jahrg. Nr. 30 vom 25. Juli 1915) gelesen habe, da mir jenes deutsche Heft niemals vor Augen ge- kommen ist. In der Tat schreibt der Marzocco, den Aufsatz Klemperers ausziehend und ironisch erläuternd: „Teufel! Ein gebildeter Mensch, der glaubt, Italien sei erlaubt das zu tun, was Deutschland getan hat, und der nicht weiß, daß es seine Pflicht gewesen wäre, lediglich das zu tun, wat Deutschland ihm aufgetragen hätte! Gipfelpunkt des Vermessensl Das Gemüt des ehrenwerten Vertreters deutscher Universitätskultur in Italien begreift nicht diesen seltsamen psychologischen Vorgang. Und seine Ver- wunderung nimmt zu, wenn er im gastlichen Hause Benedetto Croces wo er, nach eigenem Geständnis, den größten Anteil und das tiefste Ver- ständnis für Deutschland gefunden hatte vom Hausherrn die Erklärungen, die der deutsche Kanzler im Reichstage über die scheinbare Neutralität Belgiens abgegeben hatte, eine „abstoßende Roheit" nennen hört; Henedetto Croce, dieser große Bewunderer des deutschen Charakters, erlaubte sich also an der Aufrichtigkeit Herrn Bethmann Holiwegs zu zweifeln. Unglaub- lich 1" (G. S. Gargäno, im Marzocco a. a. O.)

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pfeifen, weil er sich nicht, wie es die Studenten for- derten, für einen deutschfeindlichen Polen erklärte. . . Dann wird ja der Krieg kommen, und uns, ohne daß wir weitere Anstrengungen zu machen brauchen, Wissenschaft, Kunst, Philosophie, Reichtum, Sittlich- keit, Glück und so weiter und weiter schenken. In- zwischen wollen wir die Bücher schließen, die Arbeits- räume fliehen und uns in den Tempel des Krieges be- geben, will sagen ins Kaffeehaus!

GEGEN DIE NEBELHAFTIGKEIT UND DEN MATERIALISMUS IN DER POLITIK i)

{Italia nostra, Jänner 191 5). Wer die politischen Gruppenbildungen, die jetzt in Italien besonders unter der Jugend erstehen, verfolgt, die Aufsätze in ihren Zeitschriften liest und den umlaufenden Äußerungen sein Ohr leiht, hat Gelegenheit, den Gegensatz oder das Durchkreuzen zweier sich entgegenstehender Grundanschauungen zu beobachten: die eine könnte man die der bedingungslosen Gerechtigkeit, die andere die des Kampfes ohne Gerechtigkeit nennen. Die erste hat ihre nächsten Vorläufer im Humanitäts wesen des achtzehnten Jahrhunderts, das sich teilweise im Mazzinianismus fortsetzte; die zweite namentlich in der sozialistischen Ideologie, die von den Beziehungen zwischen den Klassen der Gesellschaft auf die zwischen den Völkern und Staaten übertragen wurde. Die erste ist seraphisch, und darum wenig menschlich; allzu menschlich die zweite, und deshalb unmenschlich; die eine neigt zur Abstraktion und zur

^) Es muß bemerkt werden, daß dies ein älterer, bereits aus dem Jahre 1912 stammender und in dem Buche: Cultura e vita morale (Bari 1914) abgedruckter Aufsatz Croces ist, den die obengenannte Zeitschrift 1915 von neuem wiederzugeben für angemessen hielt.

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Gleisnerei, die zweite zum Materialismus und Zynis- mus; beide gewähren keine Befriedigung und sind trotzdem beide auf Gründe gestützt, die, obgleich ein- seitiger Art, dennoch niqht aufhören, anscheinend höchst wirksam zu sein.

Wie kann man in der Tat leugnen, daß die Gerech- tigkeit, die Achtung des Menschen vor dem Menschen, der Verein der Geister zu gemeinsamer Pflege des Wahren und des Guten, die Unterordnung unter ein allgemeines Maß grundlegende und unerläßliche For- derungen seien, ohne die das Leben allen Sinn, alle Führung, alle Wärme verlieren würde und in seinem tiefsten Innern nicht mehr seine liebsten Stimmen ver- nehmen könnte? Wie kann man anderseits verkennen, daß Leben Kampf ist, mitleidsloser Kampf, daß der Krieg sein Gesetz hat, daß die Geschichte eine Ge- schichte der Kriege, nicht der Friedensschlüsse ist, von Taten der Kraft, nicht von Zugeständnissen, daß dieser Kampf jeden Tag ausgefochten wird; wehe denen, die nicht daran teil und in ihm Partei nehmen, den Neutralen und den Menschen der „reinen Hände", die schließlich solche sind, die im Schöße ruhen ! Wie könnte man dem nicht beistimmen, der uns erinnert, Italien habe seine Wiedererhebung ins Werk gesetzt, um Taten der Liebe, nicht solche des Hasses zu voll- bringen, Werte der Zivilisation, nicht der Gewalt; und wie könnte man dem unrecht geben, der bitter über diese schönen Worte lächelt, die von den Tat- sachen in jedem Augenblick widerlegt werden, und die den unumstößlichen Beweis erbringen, daß Italien, auch wenn es wollte, sich der Notwendigkeit nicht zu entziehen vermag, ungerecht mit den Ungerechten und gewalttätig unter den Gewaltmenschen zu sein?

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Das Endergebnis der einen wie der andern Auf- fassung ist Pessimismus: ein leidender Pessimismus im ersten Fall, gezwungen zur Untätigkeit oder zu vergeblichen Predigten (was gerade Untätigkeit be- deutet), zu endlosen Verwahrungen, Klagen, Verzweif- lungsseufzern ; ein tätiger Pessimismus im andern Fall, aber der einer falschen Tätigkeit, die nur handeln will, um zu handeln, um sich zu rühren und zu betäuben, wohlbewußt etwas zu tun, das der Gerechtigkeit, das heißt mithin des Wertes entbehrt.

Wie man sieht, befinden wir uns einem alten Problem gegenüber, das man fast verzweifelt nennen könnte: dem des Widerspruchs zwischen Moral und Politik und zwischen privater, bürgerlicher Sittlichkeit, dem Problem des Machiavellismus, das lange Jahre hindurch für unsern Villari einen Gegenstand des Nachdenkens und der Kümmernis gebildet hat, weil er in Wahrheit niemals den Mittelbegriff zu finden vermochte, der ihm den Ausgang aus jener Gegensätzlichkeit verstattet hätte. Auf dem Felde der Antithesen ist das Problem auch unlösbar; man hat sich von einer Seite zur anderen gewandt, oder ist erschöpft in der Mitte verblieben, kummervollen Blickes das Los des Menschen betrach- tend, der zur Unreinheit und zur Unsittlichkeit ver- dammt ist. Es ist unnötig zu sagen, daß die wahre Un- reinheit gerade in diesem Bewußtsein der Ohnmacht, in diesem trostlosen Hinnehmen dessen, was als schlecht erkannt wird, liegt. Weit besser ist es, sich von einem zum andern entgegengesetzten Grundsatz zu schlagen, was, wenn schon nichts anderes, doch etwas Tragisches hat!

Um den MittelbegrifF zu finden, ist es vor allem flötig, zwischen zwei ganz verschiedenen Reihen voii Werten zu unterscheiden, den allgemein menschlichen

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Werten, die man die der Kultur nennt und den Er- fahrungswerten oder wie sie auch genannt werden, den geschichtlichen. Die Wissenschaft, die Kunst, die Sitt- lichkeit bieten Beispiele für die ersten; Rom oder Griechenland, Italien oder Frankreich, Monarchie oder Republik, Staat oder Kirche, Beispiele der zweiten: geschichtliche Bildungen oder Einrichtungen, die aus den Anstrengungen vieler Geschlechterfolgen und un- zähliger Einzelwesen hervorgehen, besondere Tat- sachen, in denen die allgemeinen oder menschlichen Werte Körper und unterscheidende Merkmale an- nehmen und Bedingung und Grundlage für weitere Tätigkeit bilden. Das unterscheidende Merkmal beider Reihen ist durchaus klar: die ersten sind höchste In- stanzen, die zweiten nicht, die ersten sind nicht erzeugt und unvergänglich, die zweiten entstehen und vergehen. Nichts steht über dem Wahren oder dem Guten; jedoch über Rom und Griechenland, Italien und Frankreich, Staat und Kirche hinaus gibt es etwas Höheres; Rom ist tot, das alte monarchische Frankreich lebt nur noch mehr im Hirn einiger Literaten, Kirche und Kaiser- tum sind traurige Ruinen; das italienische und das deutsche Volk kann sich erschöpfen und verschwinden, wie die Hethiter und die Karthager verschwunden sind: die Kategorien des Wahren und des Guten aber leben und werden so jung und wirksam fortleben wie am ersten Tag der Welt, und fortdauernd die alte Welt verjüngen. Hat man diesen Unterschied erfaßt, so ist damit der Wert jener zweiten Reihe von Werten nicht geleugnet, gerade so, wie es abgeschmackt wäre, den Wert eines Erbgutes deshalb zu leugnen, weil es ein- mal aufgezehrt und zerstreut sein wird; in der Zwischen- zeit ist es eben weder aufgezehrt noch zerstreut, sondern

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stellt eine Kraft und ein mächtiges Werkzeug für das menschliche Handeln dar. Ist es angemessen, die Kultur- werte zu verteidigen, so ist es nicht minder angemessen, die geschichtlichen Werte zu verteidigen, wie im übrigen alle empfinden und tun, weil alle, ohne daß es vieler Gründe bedürfte, sich getrieben fühlen, ihr Familien- gut zu verteidigen, ihre Heimat, ihre Kinder, alle Ein- richtungen, denen sie zugehören.

Nur daß die Kulturwcrtc, kraft ihres Charakters der Allgemeinheit, sich entwickeln und miteinander ringen, ohne daß jemals einer von ihnen den aadcrn unter- drückt, sondern im Gegenteil jeder den andern fördert: die Wissenschaft, die nicht Sittlichkeit ist, indem sie eben diese neu kräftigt; die Sittlichkeit, die nicht Wissen- schaft ist, indem sie diese fördert. Die Erfahrungswerte hingegen, gegründet (könnte man in der Ausdrucks- weise der Logik sagen) nicht auf reine, sondern auf Vorstellungsbegriffe, das heißt ihrem Wesen nach Tat- sachen, nicht Begriffe, kämpfen miteinander, indem einer den andern zerstört und sich an seine Stelle setzt: Rom zerstört Karthago, das Germanentum Rom, das Kaisertum die Kirche und die Kirche das Kaisertum, endlich der moderne Staat alle beide. Hier erhebt sich aber die angstvolle Frage von Seiten derer, die sich un- rettbar in einen Vernichtungskampf dieser Art hinein- gerissen fühlen, und die, als Menschen, sich beugen, zweifeln, Gott das heißt das eigene Gewissen fürchten : für wen und für was sollen wir Partei nehmen? Stellen die menschlichen Werte die einzigen beharrenden und höchsten Werte dar, welche der geschichtlichen Ein- richtungen verkörpert sie mit Ausschluß der andern oder vor ihnen.? Welcher von ihnen hat den Anspruch auf unsere völlige Hingabe?

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Auf diese Frage kann es keine andere Antwort geben, als daß alle jene gegensätzlichen und miteinander- kämpfenden Einrichtungen gleicherweise die mensch- lichen Werte verkörpern und zugleich nicht verkörpern: alle tragen Recht und Unrecht in sich, alle sind wert verteidigt zu werden und ebenso wert, zugrunde zu gehen, und wer von der Philosophie einen Fingerzeig erwartet, um für die eine oder die andere Partei zu er- greifen, wird niemals auf seine Rechnung kommen, da die Philosophie, gleich unersättlich wie die Ge- schichte, sie sämtlich anerkennt und sämtlich verwirft; allein da alle diese Einrichtungen eben einen wahren Leitgedanken und eine der Verteidigung werte Seite aufweisen, wenngleich jede zum Tode verurteilt ist, So muß jede vorerst verteidigt werden: und von wem andern wird sie denn anders verteidigt werden als von ihren Söhnen? Italien vom Italiener, Frankreich vom Franzosen, die Monarchie von dem, der von der Monarchie, die Republik von dem, der von dieser lebt. Sie anzugreifen, oder ihren Tod herbeizuführen, dafür ist der da, der es im Schilde führt; es ist nötig, daß auch einer vorhanden ist, der seine Gedanken darauf ge- richtet hält, ihr Leben zu schützen und zu verlängern. Keiner darf sich, wenn er dieses Amt der „Pietät" er- füllt (ausgenommen in dem Falle, daß er den Beruf des Geschichtsschreibers ausübt, und nur in dem Augenblicke, als er dies tut) auf die gegensätzliche Einrichtung blicken, um sich im Namen einer ab- strakten Gerechtigkeit über ihr Gutes Gedanken zu machen, sondern jeder muß einzig und allein, und allen gegenüber, das Gute der Einrichtung, der er angehört, behüten ; so wie ein Rechtsanwalt nicht auf den Vor- teil des Gegners seines Klienten bedacht ist, oder ein

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Soldat nicht Sorge tragen wird, seinen Feind, der sich eine Blöße gibt, zu warnen; der unpassende Edelmut würde in diesem Fall „Verrat" genannt werden. Die Ver- teidigung der Einrichtungen, denen wir uns zugehörig fühlen, ist die nächste Pflicht; und es gibt, soviel man weiß, keine andern tatsächlichen Pflichten als diese nächsten. Die Gesamtheit der Kulturwerte, die unter dem Namen von Gerechtigkeit oder Menschlichkeit versinnbildet werden, läßt sich werktätig nicht anders als mittelst dieser wagemutigen Verteidigungs- und Ausfallsstellung vollführen, weil die allgemeinen Pflichten sich nur betätigen lassen, wenn man aus jener Abstraktheit, die den Namen des Himmels führt, auf die Erde hinabsteigt, in Raum und Zeit, und sie in unsere nächste Nähe rückt. Im Leben sind wir gleich Besatzungen und Schildwachen, die da und dort vom Weltgeist verteilt sind; wir würden diesem übel dienen, wenn wir die Posten, die er uns anvertraut hat, ver- lassen wollten, um ihm eine abstrakte, kraftlose und unerwünschte Huldigung dazubringen.

Gewiß kann der Fall eintreten, der Augenblick kom- men, wo wir weichen und die Sache verloren geben, zulassen müssen, daß der Gegner unsere Verteidigungs- stellung besetzt, uns ihm unterwerfen, mit ihm aus- gleichen; es kommt der Augenblick, in dem der Welt- geist seine Besatzungen und Schildwachen verschiebt, einige Gruppen verschmilzt und andere teilt, um neue Kämpfe vorzubereiten. Wer sich dann darauf versteift, den nicht mehr zu haltenden Posten zu verteidigen, kann wohl eine im dichterischen Sinn anziehende Fi- gur sein, in der Geschichte Cato oder in der Literatur der ehrenfeste Ritter Don Quijote heißen. Aber Dort Quijote ist eben Don Quijote, das heißt, Sinnbild eines

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verrückten Heldentums, nicht politischer Tüchtigkeit ; und Cato verdiente wirklich zwischen Hölle und Him- mel gesetzt zu werden, in die zweideutige Stellung eines Hüters des Fegefeuers, die ihm Dante gegeben hat; noch vor den Sarkasmen eines Mommsen traf ihn Hegels Urteil, seine Seele sei wohl groß, aber nicht genug groß gewesen, da er Rom nicht zu überleben verstand, das heißt einen Wert, der, so groß er auch gewesen sein mag, doch immer zufällig und dem Un- endlichen, als welches der Geist des Menschen ist, unter- geordnet bleibt. Freilich verdeutlicht uns das sittliche Mitgefühl, das uns die Don Quijote im Schrifttum und die Catonen in der Geschichte einflößen, die große Achtung, die der menschliche Geist dem zollt, der, auch über das Notwendige hinaus, den ihm vom Schick- sal oder von Gott angewiesenen Platz verteidigt. Diese Haltung ist verdienstlich, weil sie dem Gotterwählten, dem Sieger selbst nützt, das heißt dem, der der neue Vertreter des Weltgeistes in einem bestimmten Augen- blicke ist, da sie seinen Sieg schwieriger und erhabener macht, und der auf diese Weise das Beste des Gegners in sich aufnimmt. Nicht die Bekehrung oder der Gesin- nungswechsel an sich ist es, der mißfällt, weil dies dem Leben selbst widerstreben hieße, das sich fort- während umkehrt und ändert, sondern Bekehrung, die geistige Leichtfertigkeit, Wechsel, der sittliche Schwäche ist, hervorgerufen durch Gedankenlosigkeit oder privaten Vorteil. Die Hartnäckigkeit dagegen, falls sie nicht Heuchelei oder Eitelkeit, sondern überströmende und fanatische Leidenschaft der Pflicht ist, mag wohl ein Fehler sein, aber ein aristokrati- scher Fehler, der sozusagen vor gemeineren Fehlern behütet.

Die Parteigänger der abstrakten Gerechtigkeit, die die Erfahrungswerte mit den absoluten verwechseln und diese nach Art jener behandeln wollen, stürzen sich damit nicht nur in ein eitles Beginnen, sondern sie werden, aus übelverstandener Liebe zur Gerechtigkeit, ungerecht; in allzugroßem Vertrauen auf die abstrakte Gerechtigkeit machen sie sich eines allzu geringen Ver- trauens auf die konkrete Gerechtigkeit schuldig, die sich in der Welt darstellt und die die einzige ist, die mit Nutzen angerufen und gefördert werden kann. Gleicherweise, wenn nicht schlimmer, irren die Partei- gänger des Kampfes ohne Gerechtigkeit, wenn sie, aus der entgegengesetzten Einseitigkeit heraus, die abso- luten Werte in solche der Erfahrung verkehren, nichts anderes als das Vaterland oder die Partei, den Gau oder die Familie, die Klasse oder die Rasse in ihrer Unmittel- barkeit und Roheit vor sich sehen, den edlen Krieg des menschlichen Geschlechts in jenen unedlen, von dem Polybius spricht, verkehren, in den aufständischer Söldner, einen Vernichtungskrieg ohne Waffenstillstand, ohne Treu und Glauben. Die Erfahrungswerte, das heißt die vom bloßen Kampf begrenzten, haben ihre Schranke in den Kulturwerten; und deshalb wird der ebenso bewundert, der sein leibliches Glück und sein Leben dem Vaterland oder der eigenen Partei zum Opfer bringt, wie derjenige Tadel und Abscheu erregt, der dem einen oder der andern die Wahrheit oder die Sittlichkeit opfern will : Dinge, die ihm nicht zugehörig sind, „ungeschriebene Göttergesetze", die kein mensch- liches Gesetz verletzen kann. Es gibt ein uns räumlich ziemlich nahegerücktes Volk, das die Beleidigung und den Hohn gegen die feindlichen Völker für eine gute Waffe hält; allein es ist es eine wenig sichere und schließ-

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lieh den, der sich ihrer bedient, selbst schädigende Waffe ; daher der Rat, sie von Zeit zu Zeit mit der anderen, der Schmeichelei, zu vertauschen, die nicht weniger unge- eignet ist, dort, wo die Völker unter sich nicht durch ihre Laune, sondern ihre geschichtliche Sendung ent- zw^eit sind, und sich untereinander nur soweit und für solange ausgleichen können, als es ihnen die Geschichte zubilligt oder auferlegt, durchaus nicht so oft und so viel, wie die Launen des Gefühls oder abstrakte Gedanken- verbindungen es heischen. Es gibt ferner ein anderes, in der europäischen Gesittung hervorragendes Volk, das, wenn es die harten Notwendigkeiten der Politik und des Krieges zu erfüllen hat, dies gerne mit einem Grinsen der Wildheit tut, die an den Hunnen Attila oder den Langobarden Alboin erinnert, als er, nicht befriedigt davon, Kunimund besiegt und dessen Schädel zum Trinkbecher gemacht zu haben, die Tochter des Ge- töteten zwang, aus der schauerlichen Schale zu trinken. Aber weder Falschheit noch Verleumdung, weder Be- leidigung noch Lust an Verrat und Gemetzel gehören zu den Pflichten des guten Bürgers und des aufrichtigen Vaterlandsfreundes. Auch wo der Kampf zu Listen zwingt, die Verstellung, und zu Taten, die Gewalt sind, muß das Bewußtsein, höhern Absichten zu dienen und einer Notwendigkeit zu gehorchen, vor der die eigenen Stimmungen und Neigungen zurücktreten müssen, den Gemütern etwas Strenges und selbst Schwermütiges verleihen. Ich weiß nicht, ob Fürst Bismarck wirklich die Emser Depesche gefälscht hat, und gebe sogar zu, wenn man will, daß er nicht anders handeln konnte und seine Pflicht als guter Preuße erfüllt hat; allein die Genugtuung, mit der er wiederholt den begangenen Betrug erzählte (um so schlimmer, wenn er ihn tatsäch-

lieh nicht begangen und sich seiner nur ins Leere hin- ein gerühmt hat!) ist zu verurteilen, wirft einen Schatten auf sein Andenken, und lastet wie eine zu sühnende Schuld auf dem großen Volke, das sein Tun bewundert hat, wenn anders der Mangel an Bedenken und ein ge- wisses Etwas von Rohem und Zynischem, das man häufig am heutigen Deutschland bemerkt, eine Schuld ist. Vielleicht erklärt es diese Lust an der Schadenfreude, wenn der in Ungnade gefallene Bismarck unter sich herabzusteigen scheint, da wirklich an diesem ganz Großen irgend etwas Kleinliches war. Als eine viel feinere Natur enthüllt sich uns Cavour, der, zu Ver- stellungskünsten ganz ähnlicher Art wie denenBismarcks gezwungen, den Zwiespalt zwischen dem, was er nie- mals für sich selbst zu tun gewagt hätte, und dem, was er für Italien getan, empfand; er starb wie ein Held, auf seinem Sterbelager nicht von sich, sondern von Italien sprechend.

Wollen die modernen Italiener, mit so erhabenen Beispielen aus ihrer jüngsten Geschichte, um den halt- losen Liberalismus und Humanitarismus, die politische Naivetät, in der sie sich allzulange gewiegt haben, gut- zumachen, sich deshalb den trüben Gelüsten überlassen, die die Fürsprecher des nationalen Kampfes ohne Ge- rechtigkeit und ohne Treue hegen .? Wollen sie das frei- beuterische Italien der Borgia eines neuesten Dichters und Rhetors zum Höchsten ihrer Seele machen, und nicht lieber jenes, von dem Niccolo Tommaseo geträumt hat, „streng und demütig, gewappnet und liebend"? Das Gleichgewicht des Gemütes und geistige Feinheit sind italienische Errungenschaften, die, wie ich glaube, etlichen Landgewinn aufwiegen, und die mit aller Ent- schiedenheit gegen die Übertreibungen und Entartungen

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sowohl der Nebelhaften wie der Materialisten der Politik aufrecht erhalten werden sollten.

KAMPFMETHODEN DES ITALIENISCHEN NATIONALISMUS [Italia nostra, 3. Jänner 1915). - Es ist ein Jahr oder wenig mehr, da suchte mich ein Nationalist, der ein alter Freund von mir ist, auf; er gab mir seinen Wunsch kund, mit mir, dessen Redlich- keit und Klarheit des Urteils (wie er sich höflicherweise ausdrückte) er sehr schätze, eine Unterredung über den Nationalismus zu pflegen. In dieser freundschaftlichen Unterhaltung suchte ich meinem national gesinnten Freunde klar zu machen, daß das Unrecht des Natio- nalismus darin bestehe, sich selbst auf das Feld der Demokratie und der nationalen Undiszipliniertheit, die er ja doch bekämpfen wolle, zu begeben; damit werde eben die Möglichkeit genommen, die gegnerische Partei zu überholen und in sich selbst aufgehen zu lassen, wie dies jede Partei, die der anderen in Wahrheit überlegen sein wolle, tun müsse. Die spätem Ereignisse haben mir vollständig recht gegeben. Nicht daß ich ein Pro- phet wäre! Immerhin fehlt mir aber nicht eine durch lange Übung gefestigte Fähigkeit, die logischen Folgen gewisser geistiger Einstellungen zu erkennen, auch be- vor sie noch in Tatsachen oder Worten Gestalt an- nehmen.

Freilich hat sich der Ausgleich des Nationalismus mit dem Demokratentum und der freimaurerischen Französelei, den wir eben mitmachen, auch dorthin erstreckt, wo ich wegen der verschiedenen Gemüts- anlage und Herkunft der Einzelnen eine gewisse Schei- dung erhofft hätte. Denn leider haben sich die Nationalen jetzt die übelsten Kampfmittel der äußer-

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sten Parteien zu eigen gemacht: Verdächtigung und persönliche Beleidigung.

Es ist eine Richtschnur für anständige Kamptesweise (ganz verschieden von der, vvrelche die politischen De- magogen und Marktschreier aller Zeiten anwenden), den Gegner nur in dem zu treffen, vvras er gegen die Sache, die w^ir für gerecht ansehen,*vorbringt und tut, wie allein in dem, was mit ihr zusammenhängt. Alles, was über diesen Umkreis hinausgeht, ist ein unerlaubter Versuch von Vergewaltigung, die so urteilt der ge- sunde Menschenverstand unsern Behauptungen nicht zugute kommt, sondern lediglich deren Schwäche ent- hüllt.

Sehen wir doch ein wenig zu ! Die Nationalen haben beispielsweise (darin die Sozialisten der Mussolinischen Richtung nachahmend) die „deutschen Gattinnen" des einen oder andern Gegners deutschfeindlicher Verleum- dungen und des überstürzten Krieges aufs Tapet ge- bracht. Wer verleiht ihnen das Recht, in das innerste Heiligtum des Gewissens einzudringen und für sicher anzunehmen, ein Mann schöpfe seine Gesinnung aus dem ehelichen Gemach? Vermögen sie nicht einzu- sehen, daß eine Anklage dieser Art zu denen gehört, die sich nicht abwehren lassen, und daß sie darum das Wesen einer abscheulichen Vergewaltigung annimmt? Gewiß wären wir Gegner imstande, ein Verzeichnis der französischen, englischen, russischen oder serbischen Frauen, Freundinnen oder Geliebten der Nationalen aufzustellen; aber wir unterlassen es nicht nur aus Achtung gegen die Damen, sondern auch gegen uns selbst. Ist es schön, den Gegner mit einer Waffe anzu- greifen, die dieser für sein Teil verschmäht, weil sie unredlich ist?

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Weniger schlimm ist es, wenn man mir gegenüber (dem man keine ausländischen Frauen vorwerfen kann) dazu greift, über die Fragen der Ästhetik, der Logik oder der literarischen Kritik, von denen ich in meinen Schriften gehandelt habe, abfällig zu sprechen ! Allein auch das ist, überlegt man's recht, unerlaubt; denn im vorliegenden Falle bin ich nichts anderes als ein unab- hängiger Bürger, der seine Gefühle oder seine Ansichten über das öffentliche Wohl kundgibt. Ich könnte ein ganz schlechter Kritiker und Philosoph und ein vor- trefflicher Politiker sein oder umgekehrt, je nach Be- lieben. Oder will vielleicht einer oder der andere dieser Artikelschreiber aus dem Unmut, den gewisse poli- tische Darlegungen von mir erregt haben, Vorteil ziehen, um sich für irgendein vorausliegendes, nicht gerade schmeichelhaftes Urteil meinerseits über seine Verse und seine Prosa zu rächen? Auch das wäre unerlaubt.

Lassen wir demnach die Ehefrauen, die Ästhetik und die Philosophie beiseite und sprechen wir, wenn es ge- fällig ist, von Italien, das den Gegenstand unseres Zwie- spalts bildet. Ich achte im gegebenen Fall alle, auch die, die ich nicht achte, und vermesse mich, die gleiche Behandlung zu fordern. Will man sie mir nicht zuteil werden lassen, so mag man einer Sache gewiß sein : daß ich für mein Teil nicht das Recht der Wiedervergeltung, oder wie man heute nach der Ausdrucksweise der Zei- tungsschreiber zu sagen pflegt, „Repressalien", in An- wendung bringen werde, die mir widerstreben.

DIE POLITIK EINES PHILOSOPHIEREN- DEN CHEMIKERS [Critica XIIl, 1915).- Wir sind in dieser unsorer Rundschau immer bestrebt gewesen, die Beobachtung der eigenen Grenzen zu. empfehlen;

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darum muf3ten wir Physikern, Ärzten, Mathematikern, wenn sie aus dem Stegreif Philosophie betrieben, ent- gegentreten, darunter auch dem Chemiker Ostwald, als Verfasser eines philosophischen Systems unter dem Titel einer „Naturphilosophie". Denn die Grenzüberschrei- tung ist gefährlich und sie schädigt nicht nur das Feld der Philosophie, sondern noch viel schlimmer das der politischen und praktischen Fragen; hier gibt es immer einige oder viele, die die Dilettantismen und Kindlich- keiten der Sonderforscher als „Offenbarungen der hohen Gedanken des ausgezeichneten Gelehrten usw." gläubig aufnehmen. Und nun zeichnet eben Ostwald, der vom Chemiker sich zum Philosophen, und vom Philosophen zum Politiker erhebt (oder herabsteigt), mit sicherer Hand das künftige Europa unter deutscher Vorherr- schaft, die den übrigen Völkern die politische, gesell- schaftliche und wirtschaftliche Richtschnur geben, und falls diese sich nicht dazu bequemen wollen, bereit sein wird, „sie mit Gewalt dazu zu zwingen". Allerdings macht Ostwald ein kleines Zugeständnis: „Wir denken nicht daran (sagt er), nach dem Siege der übrigen Welt die deutsche Sprache, den deutschen Gedanken, nicht einmal die deutsche Ästhetik und Kunst aufzuzwin- gen . . ." ; denn dem stehen einige „praktische Schwierig- keiten" entgegen, auch „der Geist, in dem sich unsere Kultur entwickelt hat!" Einstweilen stellt er aber die vollkommene Vereinheitlichung des Maß- und Ge- wichtswesens in Aussicht, dann die Vollendung ver- schiedener Unternehmungen wissenschaftlicher Art, wenn die Vereinigten Staaten von Europa unter deut-. scher Leitung und mit dem deutschen Kaiser als Vor- sitzenden, das Amt der Zivilisation der Menschheit auf sich genomrnen haben werden. Der gelehrte Chemiker

4 Croce, Randbemerkungen eines Philosophen AQ

hat sich wohl nie die Frage gestellt, was für eine Wissen- schaft und was für eine Kunst wohl aus einer Massen- arthäufung von Völkern, die gleich einer Herde behan- delt werden sollen und der Empfindung von Freiheit und Würde beraubt sind, hervorgehen soll : ein Zweifel daran wäre das Anzeichen einer geistigen Feinheit, über die er augenscheinlich nicht verfügt. Wäre dies der Fall, so hätte er vielleicht darauf verzichtet, jetzt über Politik, wie vorher über Philosophie zu schreiben. Als guter Patriot, der er zweifellos ist, hätte er sonst bemerken müssen, daß er seinem eigenen Lande großen Schaden tut, wenn er der Welt das als deutsches Ideal ver- kündet, was gerade der deutsche Nationalfehler ist: die Pedanterie.

HEGELFEINDLICHE VERSTIMMUNGEN (Critica XIII^ 1915)- Im eigensten Bereich dieser Randbemerkungen verbleibend, die wundersame Aus- sprüche, so wie wir sie aus Zeitschriften, Rundschauen und Büchern sammeln, kurz erläutern sollen, können wir unmöglich an einem der verschiedenen Aufsätze vorübergehen, die Guglielmo Ferrero verfaßt hat, um mit der Leuchte seines Gedankens den europäischen Krieg zu erhellen ; es ist der über Internationale Gerech- tigkeit, erschienen im Secolo vom 21. April. Diesmal können die Erläuterungen fast wegbleiben, da die Aus- züge genügen werden. Ferrero hat es mit Hegel zu tun, der, wie es scheint, sein hohes sittliches Gefühl be- leidigt und dessen Gedankengang er folgendermaßen wiedergibt: „Die Tyrannei ist ebenso heilig wie die Freiheit, weil, wäre sie nicht, der Mensch nicht einmal den Gedanken der Freiheit fassen könnte. Gesegnet auch der Krieg, weil er die Antithese und mithin die

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Bedingung des Friedens ist . . . Es gibt keinen gelun- genen Schurkenstreich, der sich nicht auf diese Weise rechtfertigen Ueße." Wie unsere Leser gleich bemerken werden, ist dieses „ebenso heilig" etwas, das nicht aus dem Gehirn Hegels, sondern aus dem Ferreros stammt, und es steht hier, um den demokratischen Lesern des „Secolo" den gebührenden Schauder einzujagen.

Was das Weitere anbelangt, daß die Freiheit die Ge- waltherrschaft voraussetze und der Frieden den Krieg, so wäre es höchst seltsam, wenn Hegel oder irgendein anderer vernünftiger Mensch das Gegenteil behauptet hätte; nämlich, daß der Begriff des Friedens ohne den des Krieges entstehen könne, der Begriff der Freiheit ohne den der Gewaltherrschaft oder der der Mehrheit ohne den der Minderheit, das Ja ohne das Nein! Es folgt dann ein geschichtliches Bruchstück, in der Art jener Geschichte, wie sie Ferrero vorzutragen pflegt, ohne jede Hemmung verlaufend, weil vollkommen er- funden. „Als der Hegelianismus aus den nördlichen Ländern, in denen er geboren worden war, in die Welt hinaus drang und die Grenzen des alten Römerreichs zu überschreiten versuchte, erweckte er bei seinem Er- scheinen eine Art vonSchauder. Diese unselige Sophistik, die alle Merkmale des Guten und Bösen zu Nutz und Frommen aller Streber mochten sie Völker, Staaten, Klassen, Parteien und einzelne Menschen sein ver- wischte, flößte den höher stehenden, tieferen und edleren Geistern der lateinischen Lande Entsetzen ein." Das soll der erste geschichtliche Abschnitt der Schicksale des Hegelianismus sein, von dem man nicht weiß, wo und wann er sich entwickelt haben soll ; gewiß nicht in Italien ; denn die Einführung des Hegelianismus fiel mit dem nationalen Erwachen zusammen, mit den liberalen

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Bewegungen und mit der Revolution von 1848: in Neapel v\rar „Hegelianer" gleichbedeutend mit „Ver- schwörer gegen die Bourbonen" ; und Hegelianer waren gerade damals bei uns alle die „zuhöchst stehenden, tiefsten und edelsten" Geister, die ihr ganzes Leben für das Vaterland dahingaben. Gehen wir zur zweiten Periode über: „Hieraufkamen aber die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die Befleckung der Klassen und ihrer Bestrebungen, das Zeitalter des Eisens und Feuers, der Sieg der Quantität, das Aufkommen des geschäftstüchtigen Bürgertums. In dieser ungeheueren Umwälzung und Verkehrung machten vor den Augen der unwissenden rohen Kaufmannsregierungen alle Philosophien, die dazu beitrugen, die Grundsätze von Gut und Böse zu vermengen, irgendwie Glück oder er- weckten zum mindesten nicht den Abscheu wie früher. Das Jahrhundert wurde unduldsam und zugleich Zu- geständnissen hold. Wenn auch nicht gerade die Philo- sophie Hegels (den niemand mehr las), so verbreitete sich doch sein Geist über die Welt, bis ..." Alles das soll sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zugetragen haben, bekannt dadurch, daß sie den Philo- sophien jeder Art abgeneigt war, sowie durch den Triumph der Naturwissenschaften und des mit ihnen verbundenen Positivismus, durch ihr Ideal eines all- gemeinen Friedens und den demokratischen Traum von einem tausendjährigen Reich! Freilich hat uns Ferrero längst an dergleichen Auf-den-Kopfstellen hergebrach- ter Meinungen gewöhnt, er, der ein andermal entdeckt hat, daß Italien nach 1860 den Protestantismus, die Mystik, die Metaphysik sich zu eigen gemacht und die schönen Künste vernachlässigt habe! (Vgl. Critica IX,

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52.) Alles Gift der Sache liegt jedoch in der dritten „Periode" der Geschichte des Hegeltums, wie sie Ferrero uns mit Meisterhand umreißt: „. . . bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in diesem unserem Lande, das immer der bevorzugte Boden von Abenteurern aller Art gewesen ist, der Versuch gemacht wurde, jene Philosophie (den Hegelianismus) unter seinem wahren Namen wieder zur Geltung zu bringen: eine der traurigsten Erscheinungen in diesen fünf- zehn Jahren sittlicher und geistiger Auflösung, von der man hoffen darf, daß der europäische Krieg ihr irgendwie ein Ende bereiten werde."

Daß hier von uns die Rede ist, liegt auf der Hand; noch klarer ist es, daß Ferrero der, kühn gemacht durch den Wirbel und die geistige Verworrenheit des Tages so gut wie er es vermag, sein Mütchen zu kühlen sucht für das Hemmnis, das sein Ehrgeiz (der wohl nicht der eines „Strebers" war?), eine gewisse Lehr- kanzel für Geschichtsphilosophie in Rom zu ergattern, in dem offenen Wort eines dieser „Abenteurer" ge- funden hat. Wir fragen aber, ist es möglich, daß er jetzt noch, in der Kriegszeit, an Armseligkeiten von dieser Art denkt.?

ITALIENS EINTRITT IN DEN KRIEG UND DIE PFLICHTEN DES GELEHRTEN {Critica XII, Mai 1915). Als im Juli des vorigen Jahres der europäische Krieg ausbrach, war es sofort klar, daß Italien früher oder später in der einen oder anderen Weise in ihn hineingezogen werden würde, und daß wir am Beginn eines langen Zeitraums von Kriegen und gründlicher Umstürze stünden, eines jener Sprünge nach vorwärts, die das menschliche Geschlecht unter unge-

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heueren Erschütterungen vollzieht; für unser Teil entschlossen wir uns, unsere Kräfte wohl zu sammeln, um, klaren Geistes bei bedrängter Seele, unsere For- schungen und Arbeiten fortführen zu können.

Keine würdige Sache erschien uns jedoch jenes Sichverlieren in hohle Einbildungen und noch hohlere Worte, das wir sogleich an sehr Vielen unter dem Anschein einer edelmütigen Besorgnis um die Ge- schicke der Menschlichkeit und des Vaterlandes wahr- nahmen, das aber in den meisten Fällen tatsächlich nichts anderes war, als die einfache Hingabe an den stets verlockenden Trieb zur Denkfaulheit, verhüllt unter dem Vorwand des Krieges und des zu gewärtigenden Eintritts Italiens in den Krieg. Es sind das Einbildungen und Schwätzereien, die, lassen sie sich auch nicht gänz- lich verhindern (weil auch sie im Verlauf der Wirklich- keit ihr Amt ausfüllen), doch Dinge sind, die nicht gefördert werden dürfen, weil sie sich ohnehin von selbst bewegen, vielmehr in Schranken gehalten wer- den müssen.

Ebensowenig vermochten wir uns, nach der Art solcher Wirrköpfe, in der Erwartung zu beruhigen, nach dem Kriege würde eine neue Kunst, ein neuer Stil, eine neue Wissenschaft, eine neue Philosophie, eine neue Geschichtschreibung erstehen; wir vermoch- ten es nicht, weil wir allzugut wußten, daß dies alles nicht Gaben sind, die vom Himmel fallen, oder mecha- nische Ergebnisse militärischer Siege und politischer Umwälzungen, sondern Werke des Gedankens, der seine Arbeit unberirrt fortsetzt, die neuen Ereignisse bewältigend, daß mithin, wer vor dem Kriege nicht die Fähigkeit und die Methode zu arbeiten und zu denken besessen hatte, sie auch nach dem Kriege nicht

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zu erwerben imstande sein werde, gleichsam als wäre das eine einfache Folge des Krieges.

Auch hielten wir es keineswegs für löblich, was wir fast überall (und in Frankreich nicht weniger als in Deutschland) an unterschiedlichen in der Wissenschaft hervorragenden Männern gesehen haben und sehen: nämlich, wissenschaftliche Begriffe als Stütze dieser oder jener zufälligen politischen Ansicht zur Ver- teidigung oder zum Angriff auf dieses oder jenes Volk zu gebrauchen; obwohl sie damit sicher vermeinen, als gute Bürger, gute Patrioten oder treue Staatsdiener zu handeln. Allein über der Pflicht gegen das Vater- land steht die Pflicht gegen die Wahrheit, die alles andere in sich begreift und rechtfertigt; die Wahrheit verdrehen, Lehren zu zimmern, wie zum Beispiel die, die wir jetzt, zu unserer nicht geringen Verwunderung, von hervorragenden deutschen Geschichtsforschern und Theoretikern darlegen hören, daß der wahre Zukunftsstaat nicht der auf völkischer Grundlage ruhende, sondern jener sei, der den „natürhchen Be- standteil" des Volkstums überwunden habe und in rein juridischer Form, nach Art Österreich-Ungarns, aufgebaut sei! oder die Anwendung, die Bergson von seiner Lehre des „Mechanismus" auf den deut- schen Generalstab und der des „lebendigen Schwunges" auf den französischen macht! fürwahr, das alles ist nicht ein dem Vaterland erwiesener Dienst, sondern ein Schandfleck, der ihm angehängt wird, ihm, das auf den Ernst seiner Forscher ebenso zählen können muß wie auf die Züchtigkeit seiner Frauen. Der Mann der Wissenschaft darf nicht mit den Leiden- schaften wetteifern, wenn diese am Werk sind, Trug- bilder von Liebe und Haß zu schaffen, wenn er auch

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nicht erwarten kann, mit seiner Wissenschaft jene außerhalb der Wissenschaft entstandenen Bilder aus- zulöschen, wirksam im Leben, wo sie ihre selbsttätige Richtigstellung in andern aus abweichenden oder ent- gegengesetzten Gefühlen stammenden Bildern finden.

Während nun einige literarische Zeitschriften Italiens schon seit Monaten ihr Erscheinen „des Krieges wegen" eingestellt, andere dagegen es aufgegeben haben, von Literatur und Kunst zu handeln, um ihre Spalten mit mehr oder weniger törichten Aufsätzen über den Krieg zu füllen, hat sich in dieser unserer Rundschau keine Rück- wirkung des Krieges bemerkbar gemacht; sie setzte ihre geschichtlichen Untersuchungen, ihre philosophischen Erörterungen, ihre kritischen Urteile fort, als gäbe es kei- nen Krieg. Wohl haben wir anderwärts, so gut wir es ver- mochten, unsere Bürgerpflicht erfüllt, indem wir poli- tische Erklärungen abgaben und jene Dienste leisteten, die wir leisten zu können glaubten; vielleicht haben auch wir uns bei diesen Gelegenheiten zu Einbildungen, ja selbst zu müßigem Gerede verführen lassen; allein wir haben uns wohl gehütet, aus dieser der Wissen- schaft gewidmeten Rundschau die Tribüne unseres Patriotismus, das Tagebuch unserer Besorgnisse und Ängste, unserer persönlichen Hoffnungen zu machen.

Wir wissen nicht, ob dieses Verhalten, das uns der Billigung wert erscheint, auch allgemein gebilligt wird; wir haben vielmehr in mancher Rundschau oder Tages- zeitung gelesen, oder es ist uns zu Ohren gekommen, daß wir die gegenwärtige Gelegenheit unterlassen hät- ten, „unser Wort in die Wagschale zu werfen, um in 'der Schicksalsstunde Italiens den Geistern den Weg zu weisen, sie zu berichtigen und anzufeuern". Auf Grund welchen Ansehens hätten wir dies tun sollen.? Wo es

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sich um den Vorteil und die Ehre des Vaterlandes han- delt, fühlen wir uns keinem andern Italiener nachstehend, aber ebensowenig über ihm stehend; und uns irgendeines auf dem Gebiet der Forschung erworbenen Ansehens zu bedienen, um unserem einfachen Bürgerwort mehr Gewicht zu geben, das scheint uns unerlaubt. Eine Dichtung entsteht, wenn die Eingebung vorhanden ist, und die Eingebung läßt sich nicht befehlen, auch nicht im Namen des Vaterlandes; ebensowenig die Wissenschaft, falls ein Gedankenproblem vorhanden ist, ein Problem, das nicht zu jenen gehört, die von der Vaterlandsliebe gestellt und gelöst werden. Aber Dichtung wie Wissenschaft dürfen sich nicht dazu her- geben, das schweigsame, verborgene, geheimnisvolle Schöpferwerk von Gefühl und Willen mit falscher Poesie und falscher Wissenschaft aufzuputzen.

Mit solchen Vorsätzen, oder besser mit der Dar- legung, die wir von solchen schon seit langem gefaßten und ins Werk gesetzten Vorsätzen gegeben haben, wol- len wir die vorliegende Rundschau auch weiter fort- führen; in der Hoffnung, etwas Nützliches und darum nicht Unerwünschtes denen zu tun, die auch während des europäischen und nationalen Krieges das Bedürfnis haben, täglich einige Stunden ihrem gewohnten Tage- werk des Studiums zu widmen; jedenfalls wollen wir von jetzt an auf uns selber wohl acht haben, das heißt uns selber nach der Wiederkehr des Friedens den Vor- wurf zu ersparen suchen, wir hätten die uns zur Ver- fügung stehende Zeit schlecht angewendet oder gerade- zu vergeudet. Auf der andern Seite wollen wir uns klare Rechenschaft von der Entwicklung des geschicht- lichen Gedankens Italiens, der durch so viele Fäden mit seinem politischen Gedanken verknüpft ist, zu

verschaffen suchen, von der Morgenröte seiner Wieder- erhebung an bis zum gegenwärtigen Tage ; desgleichen eine genaue Kenntnis der Kulturbestrebungen in den verschiedenen Landschaften Italiens während der letz- ten fünfzig Jahre ^) ; denn sind das nicht ebenfalls vater- ländische „Erfordernisse" ? Wer dazu imstande ist, hat unterdessen die Verpflichtung, diese und andere ähn- liche Erfordernisse nicht außer acht zu lassen, will er nicht (und damit greifen wir auf das zu Beginn Gesagte zurück) mit dem Glorienschein des Außergewöhnlichen eine ganz gewöhnliche Faulheit und Unschlüssigkeit umkleiden.

D'ANNUNZIOUNDCARDUCCI(Cr/V/r^X7//,

Mai 191 5). In dem beklemmenden Augenblick knapp vor der Kriegserklärung ist Gabriele d'Annunzio nach Italien zurückgekehrt, den wir nicht zum Hohn, sondern ihm zum Lobe „Ex-Dichter" nennen wollen; nämlich um zu erinnern, daß er trotz allem dem ita- lienischen Schrifttum Blätter von wundervollster Poesie geschenkt hat; es wäre ungerecht, sie in dem Sturm des Tadels zu vergessen, den jener schlechtere Teil seines Wesens vollauf verdient, welcher sich von den „Schiffsoden" über die Dramen, das Buch der „Elektra" und die „Gesänge von Übersee" zum „Kirchfest von Quarto" erstreckt, einem des ersten großen Kriegs des vollständig geeinten Italiens wenig würdigen Tageruf. Hingegen sind, nachdem der flüchtige Lärm der Kund-

^) Croce spielt damit auf seine „Geschichte der italienischen Geschicht- schreibung seit Beginn des 19. Jahrhunders bis auf unsere Tage" an, die erst Ende 1920 zum Abschluß kam, sowie auf die von verschiedenen Mit- arbeitern herrührenden „Beiträge zur Geschichte der italienischen Kultur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts" (nach Landschaften, Toskana, Pie- mont, Venetien usw.), die noch fortlaufen. D. Ü.

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gebungen und der hochtrabenden Reden verhallt ist, die Litaneien des „Kirchfestes", die „Fromme Jung- fräulichkeit der Dardanellen", das „Wappne den Bug und lichte die Anker, der Welt entgegen", und ähn- licher abgeschmackter Schwulst gänzlich zur Seite ge- treten ; dafür drängen sich die Bilder, Strophen, Rhyth- men Giosue Carduccis von selbst allen auf die Lippen. Ein Wunder der Wahrheit, das w^ieder ersteht, gerade als man es erstickt und der Vergessenheit anheim- gegeben dachte; aufrechte Worte, deren Wert, deren Wirksamkeit ew^ige Dauer hat! Denn dies ist wirklich der Krieg, den Giosue Carducci sein ganzes Leben hin- durch im Herzen getragen hat : der Krieg, den er immer unter den Sinnbildern nächster und ferner Vergangen- heit besungen hat, und der seine ganze erhabene, schwermutvolle Dichtung gestaltet. So huldigen wir dem Andenken unseres letzten nationalen Sehers, der vor der stolzen Statue von Donatellos heiligem Georg vergeblich geseufzt hat:

Sankt Georg! könnten 's diese müden Augen sehen, Daß vor dir zog' im vollen WafFenschmuck Vorbei ein Volk von Helden!

und der durch lange Jahre ein von seinen Träumen so sehr verschiedenes Italien um sich erblickte, in dem sich gleichwohl mühsam das neue vorbereitete, jenes, das jetzt duldet, denkt und schafft.

An diese unsere Rundschau heftet sich irgendwie eine unbestimmte Nachrede oder ein Verdacht der Ab- neigung gegen Carducci, der Anschwärzung seines Werkes, nicht etwa, weil wir jemals Grund zu diesem Urteil gegeben hätten, sondern weil ein paar junge Leute, die nichts Besseres zu tun hatten, vor mehreren Jahren darüber ein Geschrei erhoben, wir beleidigten

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Carducci, und sich als seine großherzigen Verteidiger aufspielten. Allein in den Aufsätzen über Carducci, 1910 in dieser Rundschau veröffentlicht, die eben den Anlaß zu diesem echten und rechten, wenn auch ganz unterhaltenden Verleumdungsfeldzug gaben, war gerade der Versuch gemacht, den kraftvollen und originalen Kern der Dichtung Carduccis, ihren geschichtlich- sittlich-bürgerlichen Kern, herauszuschälen gegen jene Kritiker, die sie als „Professorenpoesie" bezeichnet hat- ten, wie gegen jene anderen, die von Carducci lediglich einige wenige „landschaftliche" Bruchstücke gelten las- sen wollten, Vorläufer, wie sie behaupteten, der „Laudi" d'Annunzios. So möge es einmal gestattet sein, uns selbst abzuschreiben und in dieser Rundschau einen schon vordem in ihr abgedruckten Abschnitt zu wiederholen; einen unter jenen Aufsätzen, die sehr gut auf den vorliegenden Fall passen.

„Was Carducci's Herz entflammte (schrieben wir damals), was er unablässig anstrebte, war Italiens Größe. Alles, was dessen Geister durch ein Jahrhundert ersehnt und gesucht hatten, von den Republikanern von 1799 bis zu den Carbonari von 1820 und dem Jungen Italien von 1831; von Murats Soldaten bis zu denen, die Venedig und Rom verteidigten und die Österreicher aus den lombardischen Ebenen vertrieben; was Ros- settis, Berchets, Leopardis, Manzonis Gesänge und die Prosa Giobertis und Guerrazzis befeuert hatte; die Verschwörung, die Revolution, Schrifttum und Ge- danke Italiens während eines ganzen Jahrhunderts, alles dies klang noch in ihm nach und verbreitete sich in weiten Wellenringen in seinem Geiste, auch nachdem ein so ansehnlicher Teil jener Bestrebungen Wirklich- keit geworden war. „Italien über alles" : das war sein

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Leitsatz, und da die Männer der Wiedererhebung das Ideal eines kampftüchtigen ItaUen aufgestellt und zu verwirklichen gesucht hatten, in vollem Bewußtsein davon, daß die Vernachlässigung der WafFentüchtig- keit und die Einbuße an Manneszucht und militä- rischen Tugenden den Verfall Italiens verursacht und begleitet hatten, sowie daß das künftige Italien die erste Regung seines neuen Lebens auf den napoleonischen Schlachtfeldern geoffenbart hatte so träumte Car- ducci vor allem von einem kriegerischen Italien: Die Italiener (die sich nach jenem Ausspruch eines franzö- sischen Generals, der übrigens der Widerhall eines über- kommenen und jahrhundertalten Urteils war, „nicht schlagen"), sollten sich schlagen, und Carducci froh- lockte ; er sah nicht auf die Uniformen der Kämpfenden : Freiwillige der Republik oder Soldaten der Monarchie, Demokraten nach französischem Muster auf Barri- kaden fechtend, oder Verteidiger des alten Piemont gegen die Franzosen, in geordneten Schlachtreihen für die Ehre und für ihr kleines Vaterland fallend:

„Und wohl ersteht und siegt,

Wer für die Heimat fällt

Im heil'gen Glanz der Waffen!"

Was verschlug es ihm, ob es junge Studenten waren, die einem unbestimmten Humanitätsgefühl folgend, die Waffen gegen die Türken trugen, oder Truppen- offiziere, die Bataillone von Askaris gegen die Abes- synier führten? Sie schlugen sich, und Carducci um- faßte sie alle mit der gleichen Bewunderung und dem gleichen Anteil.

Aber da jene Bewegung der italienischen Wieder- erhebung in einer seltenen geistigen Höhe begründet und ausgedrückt war und dem Lande nicht nur durch

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das vollbrachte Werk zur Ehre geneicht, sondern auch weil sie die Feinheit, den Adel, den maßvollen Geist dieses alten Stammes bekundet, so verkehrte sich das von den Männern der Wiedererhebung und von Carducci gepflegte kriegerische Ideal niemals in jenen Aben- teurermut und in jene barbarische Roheit, die später Imperialismus und Militarismus genannt wurden. Der Vertreter des wiedererstandenen kriegerischen Italiens, und Carduccis größter Held war Garibaldi, der (wie treffend gesagt worden ist) „ruhmgekrönt durch glück- liche WafFentaten zu Land und zur See, in der Hei- mat und an fernen Gestaden, dennoch niemals das Schwert des Kriegers oder des Eroberers zu führen schien, sondern es als Werkzeug der Gerechtigkeit und als Sinnbild künftigen dauernden Friedens schwang". Die Triebfeder jenes Ideals war nicht der Trieb des wilden Tiers oder des Plünderers, sondern das Be- dürfnis nach Manneszucht und der Wunsch, den Stamm des italienischen Bürgertums wieder zur Blüte zu bringen. Vor zwei gleicherweise für das Vaterland ge- storbenen Dichtern, Petöfi und Mameli, verbarg Car- ducci nicht seine Vorliebe für den zweiten, den Kreuz- fahrer der Idee, fein, milde, heldenhaft, der soldatischen Wildheit des andern bar. Darum verbindet sich sein kriegerisches Ideal ohne Zwang mit dem Abscheu vor dem Geist der Eroberung und Unterdrückung. Die Soldaten Italiens wollen nicht schöne fremde Küsten plündern und den Adler Roms, weiter Flüge gewohnt, ziellos ins Weite tragen ; wohl aber ihre Her- zen, ihre Fahnen und Erinnerungen aufrecht halten, die Alpen und die beiden Meere schützen. Die Bogen des Forums erwarten neue Triumphe, aber nicht von Königen oder Cäsaren, nicht solche über kettenbeladene

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Menschen; sie erwarten Italiens Triumph über das schwarze Zeitalter und über die Ungeheuer, von denen es die Völker befreien wird. Auch dort, wo es den Anschein hat, daß Carducci den Krieg verherrlichte, betrachtet er gedankenvoll das Schicksal des Krieges, lastend auf dem Menschengeschlecht, für das „Friede" ein zweifelhaftes Wort bedeutet. Allein er möchte dieses harte Schicksal brechen; wann wird der Friede seine reinen Schwingen aus dem Blute erheben.? Wann wird die Sonne nicht Müßiggang und Kriege für Ge- walthaber bestrahlen, sondern die fromme Gerechtig- keit der Arbeit?"

So ruft unser Erinnern an Carducci in diesen Tagen unsere alten Gedanken an ihn wach, gegen- wärtig und lebendig gemacht durch die Ereignisse des Heute ; sie brauchen nicht ihren Dichter zu erwarten, und erfordern keine andere Dichtung, da diese schon in den Worten gegeben ist, die Giosue Carducci mit seinem besten Herzblut genährt hat.

PHILOSOPHIE UND KRIEG {Critica XIII, August 1915). Was ich im vorigen Hefte über die Pflichten der Männer der Wissenschaft in der Kriegs- zeit schrieb, hat die Verwunderung Garganos (Mar- zocco, I. August) erregt, der sogar davon Anlaß nimmt, den Nutzen der Philosophie in Zweifel zu ziehen. Ich meine jedoch, daß die Verwunderung meines geschätz- ten Gegners sich sogleich bei der Erwägung legen wird, daß die Philosophie nicht bloß die Wirklichkeit, son- dern auch sich selbst, das heißt ihre eigenen Grenzen, kennt, und wohl weiß, daß, sowie die großen Staats- lenker niemals Philosophen, sondern Menschen der Leidenschaft und des Willens gewesen, so auch die

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Kriege durch den tiefen Trieb und die Leidenschaften der Völker, die mit ihrer dunklen Arbeit die Wege der Zukunft erschließen, bestimmt und getragen worden sind. Dem Philosophen, insofern er Patriot ist, liegt zu Kriegszeiten keine andere Pflicht ob, als die Philo- sophie beiseite zu lassen und sich mit seinem Volk völlig eins zu fühlen : Volk zu werden. Was ferner den „Nutzen" der Philosophie anbelangt, so braucht er weder hervorgehoben noch verteidigt zu werden, da eine ewige Grundwirksamkeit des menschlichen Geistes dessen nicht bedarf; hier handelt es sich nur darum, klarzustellen, daß ihr Nutzen in ihr selbst beschlossen ist und darin liegt, daß sie für das Hervorbrechen der Leidenschaften und des werktätigen Handelns immer höhere Bedingungen schafft; mildert und verfeinert die Kunst die Gemüter, so erhellt sie der Gedanke. Befindet sich aber das Tun im vollen Strom seiner Ent- wicklung, so ist es vergebens, philosophische Hilfen dafür bieten oder fordern zu wollen : oportet studuisse, non studere, es ist dann die Zeit des Bewährens, nicht die kritischer Forschung und Darlegung. Macht die deut- sche Philosophie Deutschland zu dem, was es jetzt ist? Man behauptet es, und trotzdem verhält es sich nicht also. Sicherlich hat die philosophische Erziehung dazu beigetragen, Deutschland geistig kraftvoller zu machen (ebenso wie sie es mit dem italienischen Volke im Zeitalter der Renaissance getan hat) ; aber an sich hat sie kein Ver- dienst und keine Verantwortlichkeit an der unbezähm- baren Sucht nach Wachstum und Ausbreitung, die das deutsche Volk ergriffen und es zu einem wütenden Ringen mit den übrigen Völkern Europas geführt hat; und noch viel weniger an diesem oder jenem werk- tätigen Entschluß der Deutschen, an der Verletzung der

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belgischen Neutralität, an der Beschießung offener Städte, am Flug lenkbarer Luftschiffe über Paris und ähnlichem. Selbst die Lehre vom Recht als Macht (alles eher denn deutsch in ihrem Ursprung, vielmehr italienisch, von Macchiavelli an bis auf Vico und den Abbe Galiani) ist gänzlich unschädlich ; und bis gestern haben wir uns ihrer bedient, Philosophen wie Histo- riker, werden dies auch morgen tun, wie ich für mein Teil mich ihrer auch heute bediene, um den Gang der Geschichte zu verstehen: da ich nicht im mindesten gewillt bin, sie mit der hohlen Fortschritts-, Auf- klärungs- und Wohlfahrtslehre des achtzehnten Jahr- hunderts zu vertauschen. Allein jene Lehre ist weit- räumig genug, um ebensowohl die Macht der Aristo- kratie, wie jene der Demokratie, die der Nationalität, wie jene der Menschenrechte in sich aufzunehmen; gerade so, wie in der Umwälzung von 1 848 Konser- vative, Liberale wie Sozialisten an der Hegeischen Philosophie eine Stütze fanden, als einer geistigen Grund- lage, die den allerverschiedensten werktätigen Ent- schließungen gemein war. Lese ich die Schriften und Aufsätze, die mir aus den Ländern unserer Verbündeten, namentlich aus Frankreich, zukommen, und in denen der wirksamen Betätigung der kriegerischen Tüchtig- keit Deutschlands theoretische Hohlheiten über die demokratischen Ideale, über das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit gegenübergestellt werden ; höre ich gar den Russen Herrn Sasonoff auf die Einnahme von Warschau mit dem Vorwurf der „abscheulichen Lehre von der Macht" antworten, so überkommt mich tiefe Schwermut, denn mir scheinen dies alles Merk- male der Schwäche, oder mindestens Anzeichen, daß in den lateinischen und slawischen Ländern die Geister

5 Croce, Randbemerkungen eines Philosophen 6c

keineswegs auf der Höhe der Ereignisse, die sich ent- wickeln, stehen. Statt dessen müßte man einfach sagen: Wie ItaUener (oder Franzosen, Engländer, Russen usw.) sind Italiener (oder Franzosen, Engländer, Russen usw.), und da der Verlauf der Ereignisse nun einmal Europa in Kriegszustand versetzt hat, so wollen wir uns bis zum äußersten schlagen und für unser Vaterland jedes Opfer bringen, was immer sich auch ereignen möge. Anderes kümmert uns jetzt nicht, noch wollen wir von anderem wissen. Gibt es eine schönere und richtigere Philo- sophie als diese.? Und ist es nötig, sie mit theoretischen und geschichtlichen Ungereimtheiten zu verbrämen? „Jawohl (meine ich Gargano zu vernehmen), weil der- artige Ungereimtheiten ein Bedürfnis der kämpfenden Völker bilden." Das ist nun wohl offensichtlich, da alles, was sich ereignet, irgendeinem Bedürfnis ent- spricht: auch die Lüge, auch das Gestammel und die Verschmitztheit des Schülerleins, das seine Aufgabe nicht gelernt hat. Aber daraus folgt keineswegs, daß es rätlich sei, die Zahl der Ungereimtheiten zu ver- mehren; ich für meinen Teil eigne mich sicher nicht zu diesem Geschäft, und ich beklage es, daß es meine Philosophiekollegen in andern Ländern ausüben, denen Schweigen besser angestanden hätte. „Aber du mußt doch mindestens das Bedürfnis fühlen, zum allgemeinen Besten das, was du Ungereimtheiten nennst, zu be- kämpfen!" Nun, das ist es, was ich, wenn auch mit Zurückhaltung, tue, denn, wie gesagt, jetzt ist es nicht an der Zeit, zu schulmeistern ; es gilt etwas anderes für Italien: zu siegen. Und wer nicht unmittelbar zum Siege beitragen kann, wird besser tun, sich den Auf- gaben des gewöhnlichen Alltagslebens zu widmen, so wie man es in Deutschland getan hat und tut, sowohl

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in Voraussicht dessen, was nach dem Kriege geschehen wird, als aus nationalem Stolz, um nicht zu zeigen, daß der Krieg allen die Köpfe verdreht hat.

Wenn übrigens Gargano Lust hat, mich in der Rolle des Schulmeisters zu sehen, so bietet sich mir dazu Gelegenheit, dank Guglielmo Ferrero.

FERRERO UND DIE PHILOSOPHIE {Critica XIII, August 191 5). Dieser fährt nämlich fort, von Dingen zu reden, die er nicht wohl versteht, von den Problemen des Gedankens und der Kultur; von der deutschen Philosophie, wie er sie im 6'd'f 0/0 beleuchtet hat, geht er nun auf die Philologie über {J'ribuna, 23. Juli) und zieht zum Beweise, daß es den Deutschen an gesundem Menschenverstände mangle, die „Homer- frage" heran, in der ihm zufolge die europäische Bil- dung sich nicht vermessen habe, die Schranken der Überlieferung zu durchbrechen, „bevor die deutsche Wissenschaft auf den Plan getreten ist." Leider lassen ihn auch diesmal seine geschichtlichen Kenntnisse im Stich; denn die großen Vertreter der „Homerfrage" waren (wie jetzt allgemein bekannt ist) ein Italiener, Vico, und ein Franzose, der Abbe d'Aubignac, denen ein paar englische Kritiker sich zugesellten ; und schon allzu oft ist Wolf, der sie in Deutschland wieder in Aufnahme brachte, des Gedankenraubs bezichtigt worden. Das will besagen, daß diese „Frage" ein not- wendiges Ergebnis des Fortschritts der Geister in Europa gewesen ist: die Ausdehnung der Kritik, die Spinoza am Pentateuch und an Moses geübt hatte, auf Homer (wie ich anderwärts darzutun versucht habe); in der Tat wurde dadurch der Begriff der Dichtung, des Mythus und der Urgeschichte erneuert, so daß auch

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diejenigen unter den Deutschen, die in bezug auf Homer die grundstürzende Verwerfung des ersten Be- ginnens verständigerweise aufgegeben haben, jetzt nicht umhin können, zuzugeben, die „Homerfrage" sei das grof3e Übungsfeld für die moderne Philologie gewesen. Ferrero verweist des weiteren auf die Zer- setzung, die die Deutschen in die Geschichte Roms und des alten Italien gebracht und damit auch die Italiener „bis zu dem unglaublichen kritischen Wahn- witz eines Pais" verleitet hätten Pais war ein anderer Gegner Ferreros bei seinen Bestrebungen, eine Lehr- kanzel zu ergattern, und so sucht er nun auch ihm, wie vorher mir, anläßlich des Krieges einen Hieb zu versetzen! Er muß aber in vollständiger Unkenntnis dessen sein, was die Forschungen über die Urgeschichte Italiens in der italienischen Wissenschaft der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vorstellen, der „unglaubliche Wahnwitz" eines Micali, Mazzoldi, Jannelli; sonst müßte ihm klar sein, daß die Herüber- nahme der deutschen Forschungsweise und der „un- glaubliche Wahnwitz" von Pais selbst einen großen Fortschritt bedeuten, der Italien zu Ehre gereicht, und den wir, wills Gott, auch in und nach dem Kriege festhalten werden. Ganz zu geschweigen, daß er gegen die deutschen Historiker und Philologen schnöden Undank an den Tag legt, deren mühsame Arbeiten er in seiner Geschichte Roms weidlich genützt hat. Die beigebrachten Beispiele verallgemeinernd, klagt Ferrero die deutsche Bildung an, sie halte die Überlieferung, die Autorität, die festen Grundsätze nicht in Ehren; das alles ist Literaturgeschichte vom Schlage Ferreros, denn es ist allgemein bekannt, daß im Gegenteil Deutsch- land mächtig dazu beigetragen hat, den geschichtlichen

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Sinn und die Ehrfurcht vor der Vergangenheit wieder- herzustellen, obwohl es, gerade infolge davon, mit vielen falschen Überlieferungen und Autoritäten sowie mit den ihnen entsprechenden falschen Grundsätzen hat aufräumen müssen. Politische Geschichte vom Schlage Ferreros ist weiter die krönende Behauptung, „der europäische Krieg wäre nicht ausgebrochen, wenn das deutsche Volk klüger oder seine Regierung schwächer gewesen wäre: der politische Gehorsam und die geistige Unordnung haben diese Katastrophe herbeigeführt". Diesen vereinfachenden Behauptungen muß entgegen- getreten werden; denn sie leiden, um nur eines zu sagen, an demselben Fehler, der den Deutschen zur Last gelegt wird, und stellen dem Begriff des „aus- erwählten Volkes" den nicht weniger törichten des „schuldigen, sündigen Volkes" gegenüber. In diesen wechselseitigen Beschimpfungen der Völker erhalten sich die Italiener, obwohl auch sie im Kriege stehen, mehr als die übrigen Völker y,sceleris puri^\ als große Herren, dank einer langen Geschichte, die sie mit be- sonderer Einsicht und Geistesschärfe ausgestattet hat; darum geben sie sich nicht dazu her, Beleidigungen mit Beleidigungen zu vergelten, nicht einmal solchen wie in den Kundgebungen österreichischer Kaiser, Erz- herzoge und Feldmarschälle, die ihnen ganz natürlich erscheinen müssen, weil die Geschichte nun einmal Österreich das widerwärtige und harte Amt eines Erb- und Polizeistaates zugewiesen hat, uns Italienern da- gegen das entgegengesetzte Amt. Allein die „Intellek- tuellen", das heißt die Leser ausländischer Broschüren und Zeitungen, bemühen sich auch bei uns, das, was die Stärke Italiens in Gegenwart und Zukunft ausmacht, zu schwächen und das Gift in unser gesundes Blut zu

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träufeln. Diese Bemerkung und dieser Einspruch gegen das Vergiftungswerk, das die „Intellektuellen" in diesem furchtbaren und erhabenen Trauerspiel des europäischen Krieges vollführen, stammt übrigens nicht von mir, sondern von einem englischen Schriftsteller, der seine Bücher in italienischer Sprache veröffentlicht, von Herrn Mackenzie {Über den bio-philosophischen Sinn des Krieges, Genua 191 5), dem ich, zugleich mit der gebührenden Berufung auf ihn, meine aufrichtige Freude auszusprechen mir erlaube.

KULTUR UND ZIVILISATION {Critica XIII, Oktober 1915). Diese Unterscheidung ist jetzt wieder aufgetaucht, die ungefähr vor einem Jahrhundert in Italien eine so große Rolle gespielt hat, damals, als sich, ein Vorzeichen der Wiedererhebung, das Nach- denken über die Tugenden und Fehler des italienischen Volkes vertiefte. Das, was man jetzt von den übrigen Völkern sagt, haben damals die Italiener von sich selbst behauptet: daß sie nämlich in den neuern Zeiten, in und nach der Renaissance, Kultur und nicht Zivili- sation besessen hätten; daher ihr politischer und so- zialer Verfall und die Fremdherrschaft. Man schlage nur ich beschränke mich auf eine einzige Anführung die Geschichtswerke eines Cesare Balbo nach. Nun verstand Balbo, gleich den andern Italienern jener Zeit, zwar, wie wir es auch heute tun, unter „Kultur" die theoretischen Seiten des Geistes, Kunst, Philosophie, Wissenschaft; dagegen unter „Zivilisation" fast das Gegenteil von dem, was man heute so nennt, und, um die Wahrheit zu sagen, auch das Gegenteil der ge- schichtlichen Bedeutung dieses Wortes: die Zivilisation, die sie anstrebten, war viel eher das, was der italienische

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Philosoph (Vico) das „edelgeartete Barbarentum" ge- nannt hatte, der Glaube an das, was das Einzelwesen über- mannt, die Aufopferung des Einzelwesens zugunsten von Staat und Vaterland, die religiöse oder sittliche Auf- fassung des Lebens, das republikanische Rom oder das begeisterte und gläubige Mittelalter, aber nicht die Renaissance, und noch viel weniger die demokratische y^civilisation^'- \ und das Ende dieser Zivilisation, das heißt dieses „edelgearteten Barbarentums" in Italien beklagten sie, an dessen Stelle am Schlüsse des Mittel- alters die Neigung zu Annehmlichkeiten und Vor- teilen sowie die Sorge um die Wohlfahrt des Einzel- wesens trat. Wie werden wir sie aber heute auffassen nach den neuen Erfahrungen, die die Geschichte uns auferlegt hat? Wollen wir den demokratischen, nach Geschichte und Herkunft englisch-französischen Sinn des Wortes: „Zivilisation" beibehalten oder wollen wir ihn nach Art der Männer unserer Wiedererhebung abändern ? Ich lese im Mercure de France (wohlgemerkt im Mercure de France, und man achte wohl darauf, daß ich nicht eine deutsche oder deutschfreundliche Rund- schau anziehe, Heft vom i. September, S. 98) den Er- guß eines seiner Schriftleiter, der mit Ungestüm her- vorbricht, so wie es bei Gefühlen und Gedanken, die von der unerbittlichen Notwendigkeit eingegeben werden, zu gehen pflegt: „Die demokratischen Formeln haben sich als ebenso hohl und nichtig herausgestellt wie dereinst die monarchischen Formeln, nur mit dem ihnen wenig zur Ehre gereichenden Unterschied, daß die Zeit sie etwas weniger aushöhlen konnte! Wahr- haftig, die Demokratie ist das reine Nichts! Sie ist die Herde, die den Schäfer führt, die verkehrte Welt, sie ist die organisierte Unordnung, Leerheit, Dumm-

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heit! Das Recht gegen die Macht: dieses Wort ist nichts anderes als eine armseHge Erschleichung, wenn das Recht sich nicht seine eigene Macht zu schaffen imstande war! . . ." Ich freue mich, daß diese Anschauung sich nun auch in Frankreich Bahn bricht, so wie ich mich ein andermal darüber betrübt habe, wenn ich die Formel vom Recht gegen die Macht wiederholen hörte, ohne die unumgängliche Erläuterung, deren sie bedarf: daß ein ohnmächtiges Recht kein Recht, sondern elendes Geschwätz ist.

NÜTZLICHE UND UNNÜTZE DINGE {Cri- tica XIII^ Oktober 1915). Wenn ich ein Thema, das in den früheren Heften schon berührt wurde, hier wieder aufnehme, von der Unzulässigkeit, namens der Wissenschaft in dem Augenblick Partei zu nehmen, wo (um den Ausdruck des gemeinen Verstandes zu ge- brauchen) die Kanonen das Wort haben, so setze ich hin- zu, daß man auch, falls man nicht Partei nehmen will, ja sogar edle Anstrengungen gemacht werden, um über zu enge Gesichtspunkte hinauszugelangen, selbst wenn man das Unzulässige vermeidet, dennoch immer in Hohlheit verfällt. Man wird den Brief Romain RoUands beachtet haben, der in einer eigens gegründeten Züricher Rundschau in englischer und deutscher Sprache (Inter- nationa/ Review, Internationale Kund schau) während der verflossenen Monate eine „Annäherung der freien und gebildeten Geister aller Völker über den Krieg hinweg" versucht hatte. „Dieser Versuch" (hat Romain Rolland in jenem verzweiflungsvollen Briefe gestanden) „ist elend gescheitert. Ich ziehe mich müde aus einem blinden Kampf zurück, in dem jeder der Kämpfenden keine andere Stimme als die der eigenen Leidenschaft

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vernimmt und keine andern als die eigenen Gründe anerkennen will, ohne sich irgendwie die Mühe zu geben, nach einem Mittel zu suchen, das einen Grund dem andern, ein Herz dem andern nähern könnte." Aber dieser Fehlschlag war vorauszusehen, weil er durch den Versuch selbst gegeben ist; und ebenso nichtig erscheinen mir auch alle übrigen Auseinandersetzungen, die ich in jener Rundschau gelesen habe, mögen sie auch die Empfindungen und Willensrichtungen, die sich in ihnen ausdrücken, beleuchten, so zum Beispiel jene zwischen dem Engländer Ramsay Macdonald und dem deutschen Wirtschaftslehrer und Historiker Jastrow über den Begriff der belgischen Neutralität; man kann daraus höchstens nur entnehmen, daß die beiden Mächte eine und dieselbe Sache, die Neutralität Belgiens, wollen, allein in derselben Weise, wie (nach einem Beispiel Kants) Franz I. und Karl V. vollkommen überein- stimmten, da sie alle beide dasselbe wollten, nämlich Mailand ! Das was die Männer von redlichem Gewissen (ich meine nicht lediglich die „Gelehrten") tun können, und was die genannte englisch - deutsche Rundschau recht gut leistet, besteht darin, „die Lügen und die Aufhetzung eines Volkes gegen das ' andere zu be- kämpfen", und die gegenseitige Achtung zwischen den kämpfenden Völkern, die sämtlich die ihnen von der Geschichte anvertraute Sache verteidigen, zu fördern. Das ist aber auch der einzige im Kriege mögliche „Einklang der Menschheit".

WAS JETZT DIE PHILOSOPHEN SAGEN {Critica XIII, Oktober 1915). Auch Emil Boutroux hat, wie mir scheint, über den Leidenschaften des Tages einigermaßen seine philosophische Klarheit und

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Strenge verloren. In seiner Antwort auf die Umfrage der Opinion (4. Sept. 19 15) über den Begriff der „Or- ganisation" und das Grundwesen der deutschen Organi- sation im besondern sagt er, der hier dennoch als der- jenige vorgeführt wird, der das Joch der mecha- nischen Auffassung abgeschüttelt habe (obgleich es falsch ist, wenn hinzugesetzt wird: er habe es durch Verwerfen der deutschen Philosophie der er im Gegenteil gefolgt ist getan) : „das tatsächliche mensch- liche Problem" liege nicht sowohl in der Unter- werfung der Einzelnen unter die Allgemeinheit, als darin, „das Höchstmaß an Manneszucht mit dem Höchstmaß an Freiheit zu verbinden". Sollte gerade das nicht eine untadelig mechanistische Auffassung sein, wie im übrigen auch die gewählten Ausdrücke selbst in ihrer mathematischen Färbung dartun ? Eine abstrakte Zweiheit, die durch eine Addition und Sub- traktion beseitigt werden soll? Und hat sich nicht gegen die so geartete mechanische Auffassung siegreich und endgültig die spekulative Synthese von Zucht und Frei- heit, von Allgemeinem und Einzelhaftem erhoben, die nicht allein der deutschen Philosophie, sondern dem ganzen modernen Denken angehört, seit das Göttliche und Allgemeine vom Himmel auf die Erde herab- gestiegen ist, das Einzelwesen sich wahrhaft Mensch und Person in der Einheit mit dem All fühlt, das seiner- seits sich bloß in den Einzelwesen verkörpert? So hatte bis jetzt die Philosophie gelehrt, das war längst eine ihrer Grundwahrheiten: ist es erlaubt, sie zu leugnen, um den Deutschen einen Tort anzutun?

DEUTSCHFREUNDLICHKEIT. EIN INTER- VIEW {Roma, Neapel, i. Oktober 1915)- Haben Sie

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die Aufsätze Guglielmo Ferreros und anderer gelesen, in denen von Ihrer „Deutschfreundlichkeit" die Rede ist? fragte ich den Senator Croce.

Jawohl, ich habe sie gelesen und lasse die Leute reden. Man mag mich ruhig weiter als Deutschen- freund ausrufen, während ich für mein Teil fortfahre, immer, wenn es mir passend erscheint, die geschicht- lichen und wissenschaftlichen Ungereimtheiten klar- zustellen, die Herr Ferrero und andere Schriftsteller seines Schlages über die deutsche Wissenschaft, Philo- sophie und Philologie von sich geben. Was wollen Sie? Ich meine nicht, daß die Aufsätze Ferreros einen Bestandteil der militärischen Unternehmungen Italiens ausmachen, und daß das Schweigen über sie eine patriotische Pflicht ist! Mir scheint das Gegenteil ge- boten zu sein : trügerische Behauptungen richtig zu stel- len, die zu nichts nütze sind und die verhindern, daß man uns ernst nimmt.

Immerhin glauben manche, daß die Wirkung der deutschen Kultur auf Italien nachteilig und daß der Augenblick gekommen sei, sich ihrer für immer zu entledigen.

Ich verstehe ganz gut, daß manche dieser Meinung sind. Es ist natürlich, daß für verschiedene Leute lange und mühsame Wege beschwerlich sind und daß sie darum die bequemern vorziehen : allein ich bin ein be- scheidener Abkömmling und Fortsetzer jener neapo- litanischen Schule, die sie sich vor 1 848 herausbildete, zu ihren Häuptern Francesco de Sanctis und Bertrando Spaventa hatte und darauf ausging, das Denken und Forschen Italiens durch deutsche Wissenschaft zu be- leben. Diese Schule hat sehr gute Früchte getragen, und ich für mein Teil denke nicht daran sie aufzugeben.

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Besteht nicht die Gefahr, daß auf diese Weise, wie man behauptet, die Eigenwüchsigkeit itaUenischen Geistes verloren geht?

Eigenwüchsigkeit besteht darin, fremde Arbeit gründlich kennen und achten zu lernen, sich ihrer zu bedienen, um weiter fortzuschreiten, besseres und eigenes zu machen. Es wäre seltsam, wenn man, um eigen- wüchsig zu bleiben, in jungfräulicher Unwissenheit ver- harren sollte.

Hatte aber nicht gerade die deutsche Kultur diesen fürchterlichen Krieg zur Folge, den Deutschland her- vorgerufen hat und mit solcher Verbissenheit führt.?

Keinerlei wissenschaftliche Theorie (wenn sie anders wirklich Theorie und Wissenschaft ist) vermag unmittelbar, in logischer Folge, diese oder jene sinn- fällige Handlung zu bestimmen. Die Verantwortung für die gegenwärtige deutsche Politik liegt bei den Staatsmännern Deutschlands, bei seinem Volk, auch seinen Männern der Wissenschaft, aber allein insoweit sie nicht Wissenschaft sondern Politik treiben ; keines- wegs aber bei der deutschen Wissenschaft, die, wie jede wahre Wissenschaft, stets über den politischen Parteien und den nationalen Streitigkeiten steht.

Lassen wir also die deutsche Wissenschaft aus dem Spiel und erlauben Sie eine andere Frage. Sie waren kein Anhänger des Krieges Italiens gegen die Mittel- mächte ?

Das ist Geschichte, die sich in vollem Tageslicht vor aller Augen abgespielt hat. Ich gehörte zu jenen zahlreichen Italienern (ich sage zahlreich, obwohl nicht alle die Gelegenheit oder den Mut gehabt haben, da- von öffentlich Zeugnis abzulegen), welche die von vielen Seiten an Italien ergehende Aufforderung, sich aus

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nicht klar erkennbaren nationalen Gründen heraus in einen überaus schweren Krieg zu stürzen, ungerne sahen, und die deshalb das undankbare Amt eines ad- vocatus diaboli auf sich genommen hatten, damit, mußte der Krieg schon eintreten, dies ausschließlich aus wirk- licher und bewiesener nationaler Notwendigkeit heraus geschähe. Allein in der Zeitschrift, betitelt Ita/ia nostra, die ich und meine Freunde herausgaben, ermangelten wir nicht des öftern zu betonen, daß die letzte Ent- scheidung dem zufiele, der den Staat in sich darstellte, und daß wir alle, werde die Entscheidung wie immer gefallen sein, dem nationalen Unternehmen Folge leisten und an ihm mitarbeiten würden. Und das haben wir auch getan, jeder in der Art, wie es ihm gegeben war. Mein Freund Cesare de Lollis^), der jenes Blatt leitete, hat sich sogar (obgleich er sich den Fünfzigern näherte) als Infanterieleutnant einreihen lassen. Nun haben wir den Krieg, " und ich will nicht einmal mehr die vor- ausgegangenen Streitigkeiten zurückrufen. Nichts er- weckt mir mehr Ekel als die Klagemänner, die Kopf- schüttler und Unheilpropheten, denn ich hege, für mein Teil, das feste Vertrauen, daß wir aus dem Unter- nehmen, zu dem wir uns angeschickt haben und um das schon so viel edles Blut geflossen ist, ehrenvoll hervorgehen werden.

Und was denken Sie über die Grausamkeiten, deren die Deutschen bezichtigt werden?

Was weiß ich darüber.? Ich weiß nur, daß in den letzten Kriegen Anschuldigungen wegen Grausamkeit, begleitet von einschlägigen, Gott weiß ob verbürgten

*) Er war vorher, in der Zeit der Neutralität, wegen der Haltung des Blattes, als Universitätslehrer ebenso kindischen als unwürdigen Angriffen von Seiten der Studentenschaft ausgesetzt gewesen. A. d. Ü.

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Photographien, nach und nach gegen alle Völker er- hoben worden sind: gegen die Italiener zur Zeit des Krieges in Libyen, gegen die Bulgaren im Balkankrieg und jetzt gegen die Deutschen bei ihrem ersten Er- scheinen in Belgien. Ich erinnerte mich auch eines klugen alten italienischen Sprichworts: „Bei Krieges Währen wachsen Lügen wie Beeren." Auch habe ich einige der schlimmsten Grausamkeiten, die man den Deutschen zuschrieb, nachdrücklichst widerlegen gehört: hier ist zum Beispiel ein vor kurzem erschienener Aufsatz des englischen Mathematikers und Philosophen Rüssel, betitelt: Gerechtigkeit in der Kriegszeit ^ der, auf Zeug- nisse belgischer Behörden gestützt, das Vorhandensein des belgischen Mädchens widerlegt, dem die deutschen Soldaten die Nase abgeschnitten haben sollen, und dessen schreckliche Geschichte die Engländer schon hatte er- schauern lassen. Ein Prediger, der darüber von der Kanzel herab gesprochen hatte, erklärte von derselben Kanzel herab, für die irrtümlich von ihm verbreitete und unterstützte Verleumdung Abbitte tun zu wollen. Ich selbst habe die Lese- und Übersetzungsfehler fest- stellen können, in die Professor Bedier in seinem Werk- chen über die Taschenbücher der deutschen Soldaten (auch in Italien in Tausenden von Abzügen verbreitet) verfallen ist, als ich die Übersetzungen mit den der Schrift beigegebenen Nachbildungen in Lichtdruck verglich. Aber damit spreche ich keinen kritischen Vor- behalt oder einen methodischen Zweifel aus und er- kenne nicht Tatsachen an, denen die nötige Beurkun- dung fehlt, ich urteile nicht in einem Gerichtsverfahren, bei dem der Angeklagte nicht gehört worden ist. Ich frage vielmehr: weshalb gibt man sich so viel Mühe mit diesen Nachforschungen und Erörterungen gerade

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jetzt, da die Zeugnisse fehlen und die Leidenschaften entfesselt sind? Hat Deutschland sich solcher Ver- brechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht, o, zweifeln Sie dann nicht, daß es dafür wird Sühne leisten müssen, denn die Geschichte ist eine strenge Richterin ! Aber wäre es auch das Vorbild aller mensch- lichen Tugenden, jetzt ist es unser Gegner, weil es Österreich in seinen Schutz nahm, das unseren natio- nalen Interessen nachgestellt und sie mit Füßen ge- treten hat; uns ziemt es jetzt, es auf dem Schlachtfeld zu bekriegen, nicht in unregelmäßigem Gerichtsver- fahren zu verurteilen.

Jedenfalls scheint die barbarische Kampfesweise der Deutschen nicht im Einklang mit ihrer vielbelobten Kultur und Gesittung.

Vor dem Kriege ist niemand der Ansicht gewesen, daß die Deutschen barbarisch und grausam wären. Ich bin geneigt, das Gefühl der Abneigung und des Wider- strebens, das viele ihrer Handlungen hervorriefen, auf etwas andere Weise zu erklären. Ein jedes Volk hat seine besonderen völkischen Fehler, die seinen Vor- zügen entsprechen; und die der Deutschen sind be- kanntlich die Schulmeisterei und eine gewisse grob- schlächtige Einfalt. Alle Völker besaßen einmal, und viele auch jetzt noch, Galgen und Henker; aber allein die Deutschen wären fähig gewesen, die „Theorie" und das „Handbuch" dieses Gewerbes zu schreiben! Nun haben sie die Theorie des Krieges ausgearbeitet, indem sie Dinge, die ohne Zweifel dem Krieg anhängen und unvermeidlich sind, aber, in dieser Gestalt ausein- andergesetzt, Abscheu erregen, auf Formeln und Vor- schriften gebracht haben. Aus Schulmeisterei über- treiben sie und überschreiten das Maß; und haben sie tat-

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sächlich einige der Grausamkeiten, die man ihnen in die Schuhe schiebt, begangen, so wird das gerade aus schul- meisterhcher Beobachtung der aus dem Begriff des Krieges abgeleiteten Regeln sowie aus der abstrakt rich- tigen Lehre heraus geschehen sein, daß die einzig wirk- same Menschlichkeit des Krieges in seiner Unmensch- lichkeit liege, darin, daß er schreckenerregend und beschleunigend wirke. Mir kommt dabei in den Sinn, was Silvio Spaventa zu sagen pflegte: daß die Bestim- mungen des bourbonischen Zuchthauses für die poli- tischen Gefangenen ebenso hart und vielleicht noch härter waren als die österreichischen; daß aber der große Unterschied darin bestanden habe, daß die öster- reichischen Kerkermeister sie genau beobachteten, wenn sie zuweilen auch das Los der Sträflinge beklag- ten (siehe „Meine Gefängnisse^'- von Silvio Pellico!), während die neapolitanischen, sei es aus Gutmütigkeit, sei es aus Bestechlichkeit, sie in vielen Punkten milderten und erträglich machten. Gleicherweise vermag der Deutsche, wenn er sich zu einer vom sittlichen oder gesetzmäßigen Standpunkte nicht zu rechtfertigenden Handlung anschickt, sie nicht zu idealisieren oder in geschickte Phrasen zu kleiden, wie es andere elegantere und wohlerzogenere Völker tun, sondern sagt unver- blümt heraus, wie Herr Bethmann Hollweg, daß es sich um eine verwerfliche Sache- handle, aber „Not kein Gebot" kenne.

Ich möchte Sie noch fragen, was Sie von dem po- litischen Ideal der Deutschen halten, seinem aristokra- tischen, staatsmännischen, militaristischen Gepräge? Erscheint es Ihnen nicht als niedriger stehend und zu- rückgebliebener gegenüber dem demokratischen la- teinischen Ideal?

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Aristokraten- und Demokratentum haben wie Jugend und Alter, wie die verschiedenen Abschnitte und Zustände des Lebens, jedes seine Stärken und Schwächen, seine Tugenden und Laster. Es ist unmög- lich, in wenigen Worten den Werdegang zu erläutern, in den die Völker des westlichen Europas, Franzosen, Engländer,. Italiener, eingetreten sind : es ist das eine zentrifugale Entwicklung, die in einer nicht fernen Zukunft die Staatsidee und die gesellschaftliche Ein- heit zu vorübergehendem Vorteil der einzelnen Indi- viduen und der einzelnen Gesellschaftsgruppen aufzu- lösen droht. Einer unserer neapolitanischen Schrift- steller über Politik, der Senator Herzog von Gualtieri, hat im vergangenen Jahre, ein paar Monate vor Kriegs- ausbruch, eine bedeutende Arbeit über diesen Gegen- stand veröffentlicht. Ebensowenig läßt sich in knappen Worten der umgekehrte, zentripetale Werdegang, der sich in Deutschland vollzogen hat, umschreiben, das, obwohl es in hervorragender Weise an der modernen Gesittung mitgearbeitet hat, dennoch das Gefühl für das Vaterland, den Staat, die geschichtliche Sendung des deutschen Volkes äußerst lebendig bewahrt und das Einzelwesen dem Staate untergeordnet hat. Ich gehöre nicht zu denen, die an den schicksalhaften Kreislauf der aristokratischen Gesittung^ glauben, die sich allmählich zu Demokratien wandeln, oder von Demokratien, die sich allmählich in Zerrüttung auf- lösen und neuen aristokratischen und militärischen Bildungen zum Opfer fallen. Aber ich halte daran fest, daß, wenn die Deutschen wohl etwas von den Demokratien Westeuropas werden aufnehmen müssen, wir unsererseits ebenso etwas aus dem strengen Begriff lernen müssen, den die Deutschen von Staat und Vater-

6 C r o c e , Randbemeikuagen eines Philosophen O I

land haben. Es scheint mir, daß dies bereits im Zuge ist, eben infolge des Krieges, um uns der deutschen Übermacht zu erwehren und das höchste Gut, die na- tionale Freiheit, zu erhalten. Ist dem so, so wird nicht alles Übel zu unserm Schaden über uns gekommen sein. Wir werden aus dem Kriege mit einer höheren, ern- steren, tragischeren Empfindung für das Leben und seine Pflichten hervorgehen, wir werden viele Erbärm- lichkeiten unseres politischen Lebens der letzten Jahr- zehnte in seinen Flammen zerstören.

EIN VERRUFENES WORT {Critica XIV, De- zember 1915). Außer dem der Kultur^) (bei dem ich bisher noch nicht einzusehen vermag, weshalb es von diesem Schicksal erreicht worden ist) gibt es noch ein anderes, das ich mit einem Tone, halb Abscheu, halb Verachtung aussprechen höre : Realpolitik. Weiß Gott, was harmlose Leute sich unter dieser fürchterlichen Realpolitik vorstellen mögen! Trotzdem handelt es sich um eine alltägliche Sache. Nehmen wir den Fall, es käme uns jemand, der ganz abenteuerliche Ideen über Ausdehnung und Lage der verschiedenen Länder hätte, über die Bergketten, die Flußläufe, über Meere und Häfen; so werden wir ihm empfehlen, sich ein gutes Handbuch der Erdkunde zu beschaffen, sich über die Geographie der Geographen, die Geographie der Dinge, die wirkliche, nicht eingebildete, die Realgeographie, zu unterrichten. Oder wir haben eine Erörterung mit einem andern, der höchst verworrene und ungereimte Kenntnisse von dem oder jenem ge- schichtlichen Ereignis besitzt : wir werden ihm den Rat

*) Die Kursiv gedruckten Ausdrücke sind im italienischen Urtext deutsch angeführt. D. Ü.

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geben , kritisch verfaßte, auf beglaubigten Urkunden ruhende Geschichtsdarstellungen zu lesen und den Anekdotenkram gegenüber der wirklichen Ge- schichte, AtvReaihistoriographte, beiseite zu lassen. Oder endlich, wenn uns jemand mit der herkömmlichen Salbaderei, wie sie in Unterhaltungen gang und gäbe ist, langweilt, über Philosophie und Nichtphilosophie, Idealismus und Positivismus, Kant, Hegel, Spencer, Schopenhauer; so werden wir dem Geschwätz ein Ende machen und den lästigen Unterredner darauf verweisen, wenn er's vermag, die Bücher der Denker, von denen er faselt, zu lesen, den Versuch zu machen, sich in den Problemen zurechtzufinden, die die Phi- losophen gestellt und gelöst haben, die Philosophie der Kaffeehäuser zugunsten der wirklichen, der Reaiphilosophie, aufzugeben. Ganz ebenso ergibt sich, wenn man über Politik mit völliger Unkenntnis der Interessen und der Kräfte der Staaten, ihrer Zwecke und Mittel, der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, des Unterschiedes zwischen Dingen und Worten, zwi- schen Wollen und Vorgeben reden hört, von selbst die Mahnung, die Politik des Haufens, der Müßiggänger, der Naiven, ja sogar der Literaten und Professoren bei- seite zu lassen und die politische Wirklichkeit oder die wirkliche Politik, die Realpolitik, zu studieren. Diese Formel ist in Deutschland aufgekommen, und zwar nicht zu dem Zwecke, um die politische Weisheit der Deutschen ans Licht zu stellen, sondern im Gegenteil als Bekenntnis und Tadel des geringen politischen Sinnes bei den Gebildeten Deutschlands, so wie er sich nament- lich in den Bewegungen der Jahre 1848—49 und in je- nem vielberufenen Frankfurter Parlament geoffenbart hatte, das die Blüte deutscher Geisteskraft und Wissen-

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Schaft in sich schloß, von den staunenswertesten Reden widerhallte und trotzdem jämmerlich genug wirkte und endete. Man kann nicht leugnen, daß die Kennt- nis der Bedingungen und Interessen der Staaten von da ab in Deutschland außerordentlich zugenommen und daß sie selbst die einstens berühmte politische Einsicht Englands erreicht, vielleicht sogar überholt habe. Auf jeden Fall liegt es auf der Hand, daß die Deutschen , verfolgen sie eine Realpolitik , damit nicht bloß für sich selber sorgen, sondern auch allen übrigen Völkern eine gute Lehre geben: oder wollte man vielleicht lieber eine irreale, eine Phantasiepolitik verfolgen ? Und sollten wir Italiener uns nicht um die politische Erziehung, ich sage nicht unseres Volkes, sondern unserer führenden Klassen bemühen ? Die po- litische Unwissenheit (und in Wahrheit, nicht allein die politische) der italienischen Demokratie ist überaus grof3 ; vielleicht wird sie nicht einmal die sachliche und augenscheinliche Lehre der Ereignisse, die sich jetzt vollziehen, davon abbringen, Bündnisse und Kriege auf Grund von Theorien und Schlüssen zu fordern, denen ähnlich, die Glück gemacht haben (ein Glück, das uns gegenwärtig teuer zu stehen kommt), und die den „la- teinischen Geist" oder die „griechisch-lateinische" Ver- wandtschaft betreffen. Italienische Professoren sind seit einem Jahre umhergefahren, um Vorlesungen über die logische Notwendigkeit eines rumänischen Bündnisses mit den lateinischen Völkern zu halten, auf Grund der Erinnerungen an Trajan oder an das „torna^ torna fratre (Kehr um, Bruder), das 579 in Mösien im Munde eines Soldaten erklang und bekanntlich das älteste Bruch- stück der rumänischen Sprache und eines der ältesten unter allen neulateinischen ist. Nun, diese Geschichte

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von Trajan und dem neulateinischen Bruchstück ist beispielsweise keine gute Politik, keine Realpolitik! Allein man wird behaupten, die Deutschen hätten die Realpolitik verhaßt gemacht, weil sie von ihnen bedenkenlos, grobschlächtig, in vordringlicher und rüpelhafter Art zur Anwendung gebracht wird, ohne daß sie gewisse Dinge beachten, die gleichwohl nötig sind, um eine wirkliche Realpolitik zu treiben, die nie- mals wahrhaft real sein wird, wenn sie nicht gleich- zeitigideal ist, da tatsächliche Idealität und tatsächliche Realität zusammenfallen. In diesem Vorwurf mag etwas Richtiges liegen. Ein Deutscher ist Deutscher und hat seine Fehler; jetzt übertreibt er um so mehr seinen Rea- lismus, als er sich seiner einstigen Unerfahrenheit entledi- gen zu müssen glaubt. Ich erinnere mich, daß ich vor manchem Jahr einmal im Gespräch mit einem italieni- schen Sprachforscher eine gewisse Theorie, verfehlt in Italien, aber maßlos übertrieben in Deutschland, er- wähnte ; mein Zwischenredner bemerkte mir witzig, der Unterschied zwischen dem Italiener und dem Deutschen sei, was diese Dinge betreffe, derselbe wie zwischen dem Menschen und dem Hunde : der Mensch verspeise das Rippenstück und lasse den Knochen liegen, der Hund verschlinge beides. Die Folge davon wird also sein, daß man Realpolitik wird treiben müssen, so gut als es nur angeht, wenn möglich besser als die Deut- schen : auf der geistigen Höhe, mit der Großherzigkeit und dem gesunden Verstand, die italienischem Wesen eignen, aber auch mit vollkommenster Vorurteilslosig- keit und dem schärfsten kritischen Mißtrauen gegen ge- schwätzige Einbildungen und gleichmacherische Be- strebungen, niit der genauesten, sorgsamsten und man- nigfaltigsten Kenntnis der gegebenen Tatsachen ; derart,

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daß wir die Psychologie von Belgrad nicht mit der von Mailand verwechseln, die türkischen Parlamen- tarier nicht mit den englischen, Beduinen nicht mit den Männern der „Fünf Tage" (selbst bis zu diesem Tief- stand sind unsere heimischen Demokraten und Sozia- listen gelangt, als sie die Erhebung der Araber von Tripolis gegen die Italiener der dieser letztern selbst gegen die Österreicher im Jahre 1 848 gleichsetzten !) : mithin stets Realpolitik, nicht Phantasiepolittk. Dieses letztere Wort müßte bei uns den Abscheu erregen, den man, zu Unrecht, jetzt gegen das andere an den Tag legt.

EIN VERHASSTER NAME {Dezember igis). Treitschke: Dieser Name ist ebenfalls unsern De- mokraten und Nationalisten in die Feder geraten, die an ihm ihr Mütchen kühlen, als an einem über alle Maßen barbarischen Menschen und Schriftsteller. Und in der Tat, lassen sich Silben in ohrenzerreißenderer Art zusammensetzen! Obgleich, um genau zu sein, Heinrich von Treitschke nicht deutscher, sondern sla- wischer Herkunft war, seiner Heimat nach kein Preuße, vielmehr einem preußenfeindlichen Staat und einer preußenfeindlichen Familie entstammend, als Sohn und Bruder sächsischer Militärs. ArmerTreitschke, du hättest wohl etwas mehr Rücksicht verdient, wenigstens von uns Italienern, wäre es auch nur darum, weil du für kein fremdes Land so viel Zuneigung hattest als für Italien : du betrachtetest ja Italien und Deutschland als die zwei Völker, ^die am längsten leiden und kämpfen mußten, um die Nachwirkungen des Mittelalters ab- zuschütteln, das eine, mit dem fressenden Krebsge- schwür des Papsttums im Leibe, das andere mit dem

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des Heiligen Römischen Reiches und des Hauses Österreich, seines letzten Vertreters; du hast den Sieg beider über die gemeinsamen Feinde begrüßt! Wohl war Treitschke ein Anhänger Bismarcks, aber noch viel glühender bewunderte er Cavour, dem er 1869 einen prächtigen Versuch widmete, der noch immer zu den gehaltvollsten Schriften zu Ehren des italieni- schen Staatsmannes zählt! Er kannte nicht bloß die Dichter Italiens (deren Worte er gern in seinen Schrif- ten anzieht, Manzoni, Leopardi, Giusti), sondern auch die politischen Schriftsteller er führt ihre Gedanken an, von Machiavelli bis auf Gaetano Mos- ca , und war überhaupt für uns wie ein guter Bruder, der seine eigene Familie hat, aber mit frohem Behagen auf die des Bruders sieht. Er verdiente Achtung von allen in allen Ländern, da er ein edles Herz, eine feurige Seele, eher Dichter denn Geschichtsschreiber war, ein klarer, anschaulicher, höchst lebendiger Schriftsteller mit Leidenschaft und Liebe, sittlich unabhängig, auch in seiner Verehrung für die Hohenzollern, so sehr, daß er das Kaisertum Wilhelms des Zweiten in düsteren Farben schilderte und der romantisch-feudal-kauf- männischen Persönlichkeit des neuen Kaisers nicht traute, was ihm dessen Ungnade zugezogen hat. Aber auch in dieser seiner preußisch-deutschen Begeisterung erweckt er keine Abneigung, so sehr ist er offen, red- lich, arglos, zuweilen kindlich. Seine Deutsche Ge- schichte im neunzehnten Jahrhundert ist ohne Zweifel keine wirkliche und wahrhaftige Geschichte (obgleich sie viele ausgezeichnete geschichtliche Bestandteile ent- hält, besonders in den Beschreibungen von Gefühlen und Bräuchen, wie der ganzen Umwelt), sondern ein Er- bauungsbuch, eine Verteidigungsschrift zum Ruhm

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von Preußens Werk bei der Bildung des deutschen Staates; in derselben Weise wie die Übersicht unseres Balbo, die ihr in mancher Hinsicht ähnelt. Allein er ent- waffnet uns mit seiner Erklärung : „Bei ausländischen Kritikern, freundlichen wie feindseligen, hat der ganze Ton meines Buches Befremden erregt, und ich konnte nichts anderes erwarten. Ich schreibe für Deutsche. Es mag noch viel Wasser unsern Rhein hinabfließen, bis die Fremden uns erlauben, von unserm Vaterlande mit demselben Stolze zu reden, der die nationalen Ge- schichtswerke der Engländer und Franzosen von jeher ausgezeichnet hat. Einmal doch wird man sich im Auslande an die Gesinnungen des neuen Deutschlands gewöhnen müssen."

Diese Worte sind als anstößig angeführt worden : aber sind sie nicht vielmehr naiv.? Merkt man darin nicht das mit Verspätung ans Ziel gelangte Volk, das im heißen Bemühen, sich in allem mit den früher ange- langten Völkern auf gleiche Linie zu stellen, auch deren minder löbliche Seiten nachahmt, so wie der Provinzler mit den städtischen Moden auch das Über- triebene und Geschmacklose annimmt.? Der Schrift- steller sagt mit andern Worten : „Wohl, ich weiß ganz gut, daß die Geschichte, die wahre Geschichte nicht vom deutschen, französischen, englischen Standpunkt aus geschrieben werden kann, sondern von dem der Menschheit, der weiter ist als sie alle ; aber da Fran- zosen und Engländer parteiische Geschichten verfassen und sich an ihnen begeistern, so schreibe auch ich eine parteiische, für das Volk, dem ich zugehöre." Treitschke macht uns, während er sich seiner vater- ländischen Leidenschaft hingibt, auf seine Zielsetzung aufmerksam und gibt uns die Möglichkeit, sie richtig-

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stellen und unschädlich zu machen. Kann man einen Menschen dieser Art hassen? Man vermag es sicher- lich nur dann, wenn man niemals seine Werke gelesen hat, und mit der Wut der Unwissenheit die Silben seines „gotischen" Namens wiederkäut.

DER STAAT ALS MACHT {Dezember 1915). - Treitschke (in den beiden Bänden seiner Vorlesungen über Politik^ aus dem Nachlaß 1 897 von Cornicelius herausgegeben) muß die Kosten eines Schriftchens von Durckheim bestreiten, das mir eben zukommt: Der deutsche Gedanke und der Krieg (Paris, Colin 1 9 1 5). Durckheim leitet aus jenem Werk die Lehre vom Staat als Macht ab, der kein anderes Gesetz als die eigene Macht kennt, und, nachdem er sie als unchrist- lich und heidnisch verdammt, nachdem er sie mit der sittlichen Lehre, die die Demokratie über den Staat ausspricht, in Gegensatz gestellt hat, steht er nicht an, die geistige Verfassung, von der sie Zeugnis ablegt, für einen „unzweifelhaften Fall sozialer Pathologie" zu erklären, „dessen Ursachen die Historiker und So- ziologen einmal aufzuhellen trachten werden, dessen Vorhandensein festzustellen aber für jetzt genügt". Im selben Geiste ist ein anderes Schriftchen gehalten, das mir zugleich mit dem Durckheims zukommt: Seignobos, Vom Wiener Kongreß bis zum Kriege 1914. Nun sind sicherlich weder Durckheim noch Seignobos mit den französischen und italienischen Demokraten üblichen Schlages und höchst oberflächlicher Bildung zusammenzuwerfen ; beide sind Gelehrte und wissen- schaftlich geschulte Männer. Allein gerade deshalb kann man an ihnen der geistigen (philosophischen, hi- storischen, ethischen, soziologischen etc.) Minderwer-

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tigkeit besser inne werden oder, wenn man lieber will, der zurückgebliebenen geistigen Form, die vielen Krei- sen der sogenannten lateinischen Länder eignet und leider auch ihre Demokratien beherrscht. Durckheim hat sich gar keine Rechenschaft über die Entwicklung des europäischen Gedankens gegeben, so wenig (man sehe sein Schriftchen S. 20—23), daß er als „heidnisch" und „unchristlich" das ansieht, was ein Erzeugnis des „Protestantismus", das heißt einer Erhebung des christ- lichen Geistes ist, und daß er „Jesuitenmoral" in meiner Auffassung findet, die die schärfste Verneinung des jesui- tischen Legalismus ist : fast in derselben Weise, wie vor Jahren ein anderer Weiser der Demokratie, Gugli- elmo Ferrero, ein Band zwischen jesuitischer und Kanti- scher Sittenlehre entdeckt hat, weil (hört! hört!) beide auf dem „Zweck" fußen natürlich hat er die Kleinigkeit außer acht gelassen, daß die eine auf die Doppelzüngigkeit, die andere auf die Reinheit der Zwecke gegründet ist. Ebensowenig hat er sich Rechen- schaft davon gegeben, daß die politische Lehre, die jetzt in Deutschland im Umlauf ist und ich kann nicht müde werden zu wiederholen, daß diese nicht in Deutschland zur Welt gekommen und nicht deutsch, sondern allgemeines Eigentum der Wissenschaft ist sich über die früher dargelegte Unfaßlichkeit und den innern Widerspruch der demokratischen, vertrags- freundlichen, humanitären Lehre, die Durckheim als etwas Überlegenes erscheint, hinaus entwickelte und festigte. „Man muß den Geist Machiavellis und Bis- marcks verscheuchen" (wiederholt seinerseits Seignobos S. 34). Meint man demnach wir lassen Bismarck beiseite der StaatsbegrifF eines Machiavelli sei etwas, das zu verwerfen sei? daß dieser streng sittliche, weil

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tragisch menschliche Begriff unsittUch sei? daß die ItaUener sich des Grabmals in Santa Croce, das Machia- vellis Andenken verherrlicht, schämen müßten ? „Die Völker müssen durch Volksabstimmungen um ihre Meinung befragt werden" (Seignobos S. 5). Sind die überaus schweren Bedenken nicht wohlbekannt oder sind sie etwa schon widerlegt, die man gegen das System (viel eher eine Vorspiegelung) der Volksab- stimmungen erhoben hat, kraft dessen der Lauf der Weltgeschichte dem Belieben einzelner Gruppen oder geradezu kleinster Minderheiten unterworfen sein müßte ? Selbst angenommen, die Lehre vom Staat als Macht wäre kritisierbar und zu überwinden durch die vom Staat als Recht diese ist vielmehr schon im achtzehnten Jahrhundert auf den Widerspruch der Po- litiker der guten italienischen Schule gestoßen ange- nommen, das achtzehnte Jahrhundert vermöchte über das neunzehnte zu triumphieren, so bliebe das doch eine höchst schwerwiegende Frage, die nicht mit Rede- künsten und Gefühlsgründen, sondern durch wissen- schaftliche Zergliederungen und Begründungen, im Bereich der Wissenschaft selbst, zu lösen ist ; und man sieht nirgends, daß die „demokratische Wissenschaft" dies in der Vergangenheit geleistet hätte oder jetzt lei- stete. Die gegnerische Lehre als „pathologisch" hin- zustellen, will wenig besagen; und die Berufung auf das Christentum, die jetzt bei den Freimaurer-Demo- kraten im Schwange ist, läßt den Zweifel erstehen, ob diese Berufung sich nicht eher als an das tiefe welt- schmerzlich durchwühlte Christentum, an das katho- lisch-scholastische wendet daher die Zärtlichkeit von heute zwischen den Freimaurern der Göttin Gerechtig- keit und den Scholastikern vom Schlage des Kardinals

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Mercier, die beide an der gleichen geistigen Greisen- haftigkeit leiden ! In Italien, in England, in Frankreich selbst haben in den letzten Jahren nicht wenige Den- ker daran gearbeitet, diese Überreste des Intellektua- lismus, des abstrakten, scholastischen und Enzyklopä- diewesens beiseite zu räumen ; selbst das Glück, das die marxistischen Lehren gemacht haben, rührt zum be- trächtlichen Teile von der kraftvollen Auffassung des Lebens als eines Kampfes her, der ihnen innewohnt, nicht sowohl eines Kampfes zwischen dem Geist des Guten und des Bösen, als gerade eines Kampfes, den das Gute mit dem Guten führt, um zu einem höheren Guten aufzusteigen. Aber dieser kritischen Gedankenströmung war es noch nicht gelungen, die politische Bildung 6^es westlichen Europa zu durch- dringen und umzugestalten ; der Krieg hat sie in ihrem Beginn überrascht, und ihre Arbeit wird erst später zum Abschluß gelangen. Wäre sie wirklich von den einsamen Forschern oder aus dem Kreise der Philo- sophie in die Werktätigkeit des Lebens getreten, so hätte Deutschland nicht gewagt, dem demokratischen Europa den Krieg zu erklären, oder es wäre gleich zu Anfang auf ernste Hindernisse gestoßen. Es hat ihn aber gewagt, weil allzuviele, in Frankreich und ander- wärts, nach Art der Professoren Durckheim und Sei- gnobos faselten ; deren Namen ich, nebenbei gesagt, in einem Buche angestrichen finde, das mir sein Verfasser einige Monate vor dem Krieg, im März 1914, zu- gesandt hat (A. SECHE, Le desarroi de la coscience frangaise^ Paris, Ollendorff, S. 284), und zv^ar unter denen der französischen Hochschullehrer, die ein ver- derbliches Beginnen ins Werk gesetzt hätten, indem sie den Pazifismus, Internationalismus und Antimili-

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tarismus predigten und das Vaterlandsgcfühl in den Herzen der Jugend vernichteten oder schwächten! Deutschland hat es gewagt, weil es sich bewußt war, mit weniger unterrichteten und weniger einsichtigen Männern aus politischen Kreisen als den seinen zu tun zu haben; und hätte dies nicht unternommen, wenn seine Gegner nicht bloß militärisch, sondern auch sitt- lich und geistig wachsam gewesen wären. Denn (wie ich oben von der Realpolitik gesagt habe) es scheint mir seltsam, wenn es sich nicht um einfache Heu- chelei oder eine rhetorische Übung handeln sollte einen Staatsbegriff zu verwerfen, der nicht sowohl ein „Fabriksgeheimnis" für das Gedeihen Deutschlands, als ein allgemeiner Leitsatz, gleichermaßen für alle Staaten nützlich, ist und der allen Staaten die „Macht" und nicht die „Unmacht" empfiehlt: die Anspannung aller ihrer Kräfte, um die andern zu der gleichen Kraftäuße- rung an Leben zu zwingen, zum «Vorteil der Mensch- heit, die allein durch Arbeit und Mühen vor Tod und Fäulnis gerettet wird. Was anderes haben wir Italiener gewollt, als wir in den Krieg eintraten, denn Vorsorge zu treffen, daß die „Macht" unseres Staates nicht ge- mindert, vielmehr vergrößert werde.? Ich weiß recht wohl, daß die salbungsvollen Demokraten anstatt dessen verlangten, was sie jetzt ausschreien, daß wir den Krieg führen müßten, um die Gerechtigkeit im Streit der Völker zum Siege zu bringen. Allein, ich erlaube mir zu denken, daß niemals ein Volk über das andere Ge- rechtigkeit übt, sondern Gott oder jener Gott, der die Geschichte ist, über sämtliche Völker; und ich meine, daß die Italiener hinlänglich Geistesschärfe besitzen, um nicht Pflichten auf sich zu nehmen, die die menschliche Kraft übersteigen und darum der Lächer-

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lichkeit verfallen : ganz so wie die Deutschen lächer- lich werden, wenn sie davon reden, die Sittlichkeit in der Welt wieder herstellen und „züchtigen" zu wollen. Und sind wir etwa nicht in den Krieg getreten, indem wir uns aus einem alten Bündnis lösten, das wegen der Mängel, die es an sich trug und wegen der ge- änderten Voraussetzungen unsere „Macht" bedrohte? Gerade weil die Lehre, die jetzt mit dem Namen ihrer neuen Verkünder und Förderer „deutsch" genannt wird, in Wirklichkeit aber von dem ersten großen, gegen das Mittelalter gewendeten Politiker, von dem Italiener Machiavelli herrührt, die wahre Lehre ist, dürfen wir über das Wort „Verrat" lächeln, das uns jetzt da und dort so weit es die dürftige Kenntnis, die uns die Zensur von den deutschen Zeitungen zu nehmen erlaubt, zuläßt aus Deutschland entgegen- tönt ; lächeln, und die Deutschen ersuchen, ein anderes Register zu ziehen, da dieses kreischend und falsch klingt.

ZUM BESSERN VERSTÄNDNIS {Dezember 1915). „Also", wird man sagen, wenn man dies liest, „Ihr seid für Deutschland und die deutsche Kultur?" Ich könnte darauf wie der Abbe Galiani antworten, den man in der Hitze des Gefechts fragte, ob er im Grunde für oder gegen die freie Ausfuhr des Getreides sei: „Ich bin für keines von beiden. Ich bin nur dafür, daß man nicht Dummheiten redet. Die Ausfuhr des ge- sunden Menschenverstandes ist das einzige, was mich ärgert!" {Dia/ogues, S. 12.) Was soll es heißen, für oder gegen die deutsche Kultur zu sein? Die deutsche Kultur, so gut wie die französische, die englische, die italienische ist das, was sie ist, und keine von ihnen verkörpert voll-

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ständig das menschliche Ideal, wäre es auch nur aus dem einfachen Grunde, daß das Ideal stets das ist, was nicht vorhanden ist, nicht das, was da ist, die Zukunft, nicht die Vergangenheit, das zu Schaffende, nicht das Geschaffene. Nichts von dem, was da ist, kann genügen, und in jeder geschichtlichen Formel des sozialen und Kulturlebens empfinden wir Mängel und Widersprüche. Ich habe auch nicht auf den Krieg gewartet, um dar- auf hinzuweisen oder zu behaupten, daß Deutschlands Philosophie der letzten achtzig Jahre nur mittelmäßig ist; daß seine Wissenschaft sich gern die Industrie zum Vorbild nimmt, in der mechanischen Arbeitsteilung und dem mechanischen Aufreihen der Ergebnisse; daß sie allzu oft von nationalen Grillen gestört wird; daß in der politischen Psychologie der Deutschen die zynische Art, wie sie Bismarck zur Schau trug, üble Wirkungen her- vorgebracht hat; und so fort. Es sind das Dinge, die ich des öftern in dieser Rundschau und anderwärts habe drucken lassen, in ruhigen Zeiten, als noch kein Verdacht leidenschaftlicher Parteinahme aufkommen konnte, und wenn jemand dessen nicht mehr eingedenk wäre, so bin ich bereit (mit Verletzung meiner Bescheiden- heit), in einem der nächsten Hefte eine Blumenlese meiner einschlägigen Aussprüche zu bieten, die mich in den Stand setzen würde, im Stil des Danteschen Teufels auszurufen: „Du hast wohl nicht gedacht, daß ich ein Deutschenfeind sei?" Aber was sollen mir diese Verwahrungen, unnütz für die, die mich kennen, und in anderer Art, aber ebenso unnütz für die, die mich nicht kennen ? Es ist freilich wahr um bei unserem eigentlichen Gegenstand zu bleiben daß ich auch dort, wo die Genialität fehlte und das Schulfuchsentum über- wog, immer die Gewissenhaftigkeit und redliche Arbeit

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der deutschen Bücher bewundern mußte, die gewöhn- lich — und das ist ein großer Vorzug! so mittelmäßig sie auch sein mögen, dennoch die Schwere der Probleme besser empfinden lassen als die leichtbeschwingteren anderen Schrifttums. Ich will es jetzt auch nicht einmal unternehmen, dem von den Leidenschaften und mannigfachen Interessen verzerrten Bild Deutschlands dessen wahres Bild entgegenzustellen ; denn, würde ich mich auf dieses Gebiet begeben, so würde ich mit Not- wendigkeit in das Amt des Verteidigers, sei es auch mit redlicher Absicht, gedrängt werden, und seit einiger Zeit findet mein Gemüt und mein Geist nur mehr daran Freude, die Dinge sachlich zu betrachten, nach ihrem systematischen Orte, im Zusammenhang ihrer Ent- wicklung, fern von jedem Geiste der Für- oder Wider- spräche. Was ich allein verteidige, das sind einige Be- griffe, die ich mißverstanden, nicht verstanden oder mit unterlegenen Begriffen bekämpft sehe; es sind einige Verhaltungsarten in Arbeit und Forschung, die ich für wertvolle. Errungenschaften, von Italien und für Italien gemacht, halte, Errungenschaften, die eifersüch- tig gewahrt werden sollten. Lange Zeit haben deutsche „Wissenschaft", deutsche „Methode", deutscher„Ernst" und deutsche „Genauigkeit der Darstellung" den ita- lienischen Forschern als Panier gegolten, zugleich als Waffe, deren sie sich untereinander im Kampfe bedient haben und mit der sie die Dilettanten, die Faulen, die Stegreifdichter, die Pfuscher aus ihren Kreisen fern- hielten; Deutsch zu können und durch das Lesen und das Beispiel der deutschen- Bücher sich auf der Höhe der wissenschaftlichen Bewegung zu halten, war das Mittel, um die italienische Wissenschaft zu „entprovin- zialisieren", sie zu erneuern und mit europäischer Kultur

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zu durchdringen. Unter denen, die jetzt gegen das „ger- manische" Pedantentum losziehen und die „lateinische" Genialität preisen, sehe ich allzuviel wohlbekannte Ge- sichter des wissenschaftlichen und literarischen Pöbels und „Halbweltwesens"; allzuviele, die sehr froh wären, könnten sie nunmehr nach Bequemlichkeit handeln und obendrein auf billige Weise die Lorbeeren des besorg- ten Vaterlandsfreundes verdienen; vor diesen und gegen sie pflanze ich das Banner der „deutschen Methode" auf und ergreife deren Waffe. Es mag das ein „Symbol" sein, aber ich glaube, daß es gefährlich, unpatrio- tisch, das heißt schädlich für Italien wäre, sich seiner jetzt zu entledigen. Und ich werde es bloß dann bei- seite legen, wenn es möglich sein wird, es mit einem andern Sinnbild von gleicher Wirksamkeit zu vertau- schen: jenem der „italienischen", „französischen", „eng- lischen", meinethalben auch „japanischen" Methode. Nur sind Symbole ein Ergebnis der Geschichte, sprießen aus freien Stücken wie die Wörter und Spruchweis- heiten, und es ist nicht möglich, sie nach Gutdünken zu vertauschen; so wäre auch „italienische" oder „fran- zösische Methode" eine farblose, willkürliche Phrase, die niemanden überzeugen würde. Nicht ich, sondern die „Lateiner", insbesondere die Italiener sind es, die fortwährend sich selbst angeklagt haben, es fehle ihnen an „Disziplin", und die den Ruf oder wenn man lieber will, die Legende des deutschen „Fleißes" und „metho- dischen Wesens" geschaffen haben. Wie sollen ich oder andere nunmehr mit einem Schlage zunichte machen, was unsere Ahnen in der niemals unterbrochenen Folge ihrer Urteile, im Laufe mehrerer Jahrhunderte auf- erbaut haben.? Nehmen wir immerhin an, diese Urteile seien jetzt zu Vorurteilen geworden; aber selbst diese

7 C r o c e , Randbemerkungen eines Philosophen

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verleihen den „Symbolen" Glanz und Kraft, mindestens durch eine lange Zeitspanne, nachdem die Dinge sich mehr oder weniger verändert haben. Wenn wir Italiener durch ein ganzes langes Jahrhundert ein „methodisches Wesen", das besser als das deutsche ist dergleichen liegt ja im Bereich der Möglichkeit aufgestellt und geübt haben werden, wird es uns gar keine Anstrengung kosten, um in dieser Hinsicht in den Ruf von Vorbildern zu kommen und sprichwörtlich zu werden, sowie wir es für eine Reihe anderer Dinge gewesen sind oder noch sind. Gegenwärtig aber zeigt das Bemühen, auf einmal Symbol und Fahne zu wechseln, lediglich die Nichtig- keit dieses Vorhabens.

NUTZEN DER POLEMIK {Critica XIV, Fe- bruar igi6). Wie auch andere urteilen mögen, die Polemik, die ich mit diesen Randbemerkungen gegen das Hirngespinst der abstrakten Gerechtigkeit verfolge, scheint mir nützlich und der Fortsetzung wert. Jenes alte Hirngespinst, im Juli 19 14 neu herausgeputzt, könnte man als einen Götzen der Einbildung hingehen lassen, als durch die Wirkung des Kampfes selbst er- zeugt und mit ihm vergehend : wenn man nicht im Eifer der Beteuerung, unsere Sache sei die der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Zivilisation, Gefahr liefe, sich an den Gedanken zu gewöhnen: unsere Sache sei jedenfalls in gute Hände (in die Hände Gottes) gelegt, und die Vor- teile, die die Gegner erringen können, seien nichts anderes als Teufelswerk. Eine höchst bedenkliche Gemütsver- fassung, die man um des großen aus ihr erwachsenden Schadens halber mit allem Nachdruck bekämpfen muß. Zuerst glaubte ich, daß im Verlauf des gegenwärtigen Krieges weder Gelegenheit noch Zeit zu einer solchen

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Richtigstellung gegeben wäre; dann aber, als dieser immer verwickelter und zäher wurde, und die Tech- niker Muße hatten, neue Arten von Geschützen und Luftschiffen zu erfinden, die Chemiker „Stickgase" zu brauen, sehe ich nicht ein, weshalb der bescheidene Historiker und Philosoph nicht auch seinerseits mit- arbeiten sollte, so gut er's vermag, und Unterstützung durch „aufklärende Begriffe" zu bringen, das heißt, durch Erwägungen, Richtigstellungen und Theorien, die er für praktisch wirksam erachtet, um Täuschungen zu beseitigen, leere Redensarten und Geberden unnötig zu machen und den gebotenen Weg zu weisen.

SITTLICHKEIT DER LEHRE VOM STAAT ALS MACHT {Februar igi6). - Es ist gut, noch ein- mal kurz auf diesen Punkt zurückzukommen: Die Lehre vom Staat als Macht und vom Leben des Staates als eines Kampfes ums Dasein rechtfertigt in nichts den Abscheu, den furchtsame Seelen vor ihr empfinden, es sei denn, man würde auch einen unerbittlichen Lehr- satz der Arithmetik oder einen der politischen Wirt- schaftslehre, das heißt, eine wissenschaftliche Aufstel- lung als abscheuerregend ansehen. Um die Sache kurz und in volkstümlicher Ausdrucksweise zu sagen, die Geschichte (und ebenso die Logik des Lebens selbst) zeigt, daß die Staaten wie sonstige gesellschaftliche Ver- bände fortwährend um die Erhaltung und das Gedeihen der besten Form in einem Kampf auf Tod und Leben stehen; und einer der akuten Fälle dieses Kampfes ist eben der, den man Krieg nennt. Bricht dieser aus und ob dies geschieht oder nicht, ist ebensowenig sitt- lich oder unsittlich als ein Erdbeben oder irgendeine andere Erscheinung des Erdsystems so haben die Be-

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standteile der verschiedenen Gruppen keine andere sitt- liche Pflicht als die, sich zur Verteidigung ihrer eigenen Gruppe zusammenzuschließen, zum Schutz des Vater- landes, um den Gegner zu unterwerfen, seine Macht zu beschränken oder um ruhmvoll zu unterliegen, indem sie den Keim für künftige Gegenschläge legen. Nur in dieser Weise ist das Einzelwesen im Recht, obgleich auch sein Gegner ebenso im Recht ist; und ebenso wird für eine mehr oder weniger lange Zeit die Ordnung, die sich nach dem Kriege bildet, im Recht sein. Ich glaube nicht, daß der gesunde Sinn des Volkes jemals die Kriege in anderer Weise aufgefaßt hat der Volksglaube be- trachtet sie als „Züchtigungen Gottes", um die Men- schen zu „bessern" ; und nur eine falsche Ideologie, ein Trugschluß, schlechter Literaten würdig, kann sich herausnehmen, diese einfachen, strengen Begriffe durch die Ideologie von Recht und Unrecht, von gerechtem und ungerechtem Krieg ersetzen zu wollen. Es ist das ein Trugschluß, ganz ähnlich dem vielverspotteten der scholastischen Wirtschaftslehrer, die sich vermaßen von vornherein, außerhalb des Wettbewerbes und des Mark- tes das iustum pretium, den angemessenen Kaufwert festzusetzen, den bloß Wettbewerb und Handel be- stimmen. Wäre es möglich, von vornherein Recht und Unrecht festzustellen, von vornherein die Ordnung zu finden, der die Völker von Fall zu Fall sich fügen müßten, um das Werk der Zivilisation zu erfüllen, so verhandelten noch heute Rom und Karthago um ihre wechselseitigen Rechte: ja die Römer müßten noch immer um ihre Grenzen und ihr gegenseitiges Vor- gehen mit den Sabinern, den Fidenaten und Vejentern im Streite liegen !

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DEUTSCHER FREIMUT {Februar igi6). - Die deutschen Theoretiker haben, die ÜberUeferung der itaHenischen PoHtiker aufnehmend (kaum unterbrochen im achtzehnten Jahrhundert von der „exotischen" fran- zösischen Schule der Enzyklopädisten), die Lehre vom Staat als Macht in ihren logischen Folgerungen zur Geltung gebracht, und man kann sie sicherlich jedes andern zeihen, nur nicht der Gleisnerei. Ich v^^ill da- von eine neue Probe geben, anläßlich eines geschicht- lichen Ereignisses, an das in diesem Kriege des öftern erinnert v^orden ist, der Verletzung der dänischen Neu- tralität durch England im Jahre 1807, v^ährend des Kampfes mit Napoleon. In englischen Zeitschriften konnte man unlängst lesen, daß die Engländer noch jetzt das damals von ihnen gegen das Völkerrecht be- gangene Verbrechen beklagten : es sind das Tränen, die vor allen andern mit dem Namen des heiligen Nilbew^oh- ners bedacht zu w^erden verdienen, denn die Engländer haben von jenem Verbrechen Vorteil gezogen und ge- nießen ihn noch heute. Wohl aber haben ihnen die deutschen Historiker schon die Taschentücher geliefert, um ihre strömenden Zähren zu trocknen, und jenen Zw^ischenfall der englischen Geschichte dargelegt, ohne ihn zu verurteilen, ja sogar seine Rechtfertigung ge- geben. „England hatte auf die Tilsiter Friedensanträge (wird in einem in den Schulen Deutschlands w^eitver- breiteten Handbuch, der Geschichte der Neuzeit von Schäfer, gesagt) eine Antw^ort gegeben, die an Deutlich- keit nichts zu v\rünschen übrig ließ. In den Tagen vom 2. bis 5. September 1 807 hatten, da Dänemark ein Bündnis verv^eigerte, seine vereinigten Land- und Seestreitkräfte Kopenhagen bezw^ungen, die ansehnliche dänische Flotte mit allem Zubehör genommen und hinw^eggeführt. Es

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war eine Tat, die oft genug als brutaler Bruch des Völker- rechts gebrandmarkt worden ist und das auch verdient. Aber sie war doch eine richtige Antwort auf die Tilsiter Friedensheuchelei. Dänemark hatte sich nicht unähn- lich den preußischen Hoffnungen in Neutralitätsträumen gewiegt, es war, wenn es Partei nahm, je nachdem, zu Land oder zur See, Gefahren ausgesetzt, und in der Neu- tralitätsstellung blühte die dänisch-norwegische Schiff- fahrt erfreulich empor. Es hatte nicht erkannt, daf3 diese Stellung unhaltbar geworden, seitdem Napoleon Danzig, Stettin und Stralsund beherrschte und den Zaren seinen Freund nannte. Konnte England ruhig zusehen, daß auch der Sund mit Dänemarks wertvoller Flotte in Frankreichs Hände falle und ihm die Ostsee, der Weg zu den V^orratskammern seines Schiffbau- und Getreide- bedarfs geschlossen werde.? Das eingeschlagene Ver- fahren lag in den Grenzen der Gepflogenheiten, zu denen England mehr als einmal seine Zuflucht genommen hat, wenn es glaubte, Lebensinteressen verteidigen zu müssen; am wenigsten hatte aber ein Napoleon, der geniale Meister der Gewalttätigkeit, recht, Klage zu erheben. Seine Scharen standen bereit, das auszuführen, worin England ihm zuvorkam." Es bestätigt dies, was ich ein andermal ausgesprochen habe: daß die in Deutschland vertretene politische Lehre ausgesprochen wissenschaftlicher Natur ist; nicht zugunsten Deutsch- lands allein ersonnen, sondern zu jedes beliebigen andern Staates in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Alles dreht sich darum, daß man die Fähigkeit besitze, daraus Vorteil zu ziehen, das heißt, aus der Wahrheit Vorteil zu ziehen.

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SITTLICHER TIEFSTAND DER LEHRE VOM STAAT ALS RECHT {Fe^ruari9i6).-Nicht das gleiche könnte ich von der seraphischen Lehre vom Staat als Recht sagen, mag sie auch in einem verführe- rischen Licht erscheinen, gerade darum aber 'auch als ein tückischer Spiegel von Vogelstellern ; sie dient (und hat immer gedient), um die besondern Ziele der Einzel- wesen und der Staaten zu verdecken, v^ährend man sich über die andern hinwegsetzt, die man, bevor man sie mit der Tat vergewaltigt, mit einer trugvollen und un- billigen Anrufung der Gerechtigkeit zu verwirren, in Verruf zu bringen und zu schwächen sucht. Auch da- für will ich ein Beispiel anführen, aus jener französischen Rundschau, dem Mercure de France^ geschöpft, aus dem ich in den letzten Nummern einige Worte des Beifalls und der Unterstützung meiner Äußerung in der Cri- tica angeführt habe. Allein wie steht die Sache nun? Seit einigen Heften hat der Mercure einen andern Ton angeschlagen, die italienischen Zeitberichte unterdrückt, aufgehört an der Lehre von der Macht etwas Gutes zu finden und die Ungereimtheiten, die über die deutsche Wissenschaft umlaufen, zu tadeln; er läßt vielmehr jetzt die Lehre vom Staat als Recht in stolzer Einsamkeit aufleuchten, und siehe, da stellt sich auch sofort die An- wendung dieser geheiligten Lehre ein, natürlich nicht auf Kosten Frankreichs, sondern Italiens: „Wenden wir den Grundsatz der Völkerbefragung an, wie wir es tun müssen, denn er ist der Untergrund unseres sitt- lichen Seins, so müßte Italien sich jeder Einverlei- bung enthalten: selbst in Triest und Fiume hat der italienische Bestandteil kaum die Mehrheit . . . Aber unsere lateinische Schwester hat auch ihrerseits ihre ge- schichtlichen Erinnerungen, deren Gewicht sie vorwärts

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treibt, und sie möchte das alte Gebiet der Republik Venedig erwerben : sie möchte sogar endgültig Valona, am Eingang des Kanals von Otranto, besetzen, obwohl es ihr niemals gehört hat . . . Lassen wir nicht alle Hoffnung fallen, daß sie sich mäßigen und die Rechte der andern berücksichtigen werde . . ." {Mer eure de France^ i. Jänner 191 6, S. 164/5.) Das sind also die Folgen, wenn man die Politik nach Art der Lehrbücher für die Unterklassen auffaßt und die Staaten wie ebenso viele Häuschen oder Fritzchen behandelt, denen man ihr Abendsüpplein gibt und sie zu Bett schickt!

Ist nun diese ölige Lehre vom Staat als Recht kein hinterlistiges Werkzeug für die eigenen Ziele, was ist sie dann? Nichts anderes als ein geschwätziger Trost für den Schwachen und Besiegten. „Es liegt etwas Erniedrigendes, Sklavenmäßiges darin, hartnäckig zu wiederholen, eine Sache müsse vorhanden sein, weil sie gerecht sei", schrieb Maurice Barres vor Jahren (ich weiß nicht, was er jetzt schreibt) in ^ointn Amities fratifaises. Ist sie aber nicht einmal dies, weder Klageruf von Besiegten, noch Hinterlist von Politikern , ist sie reine Theorie ohne versteckte Absichten, läßt sie sich wenig- stens dann für etwas Achtungswertes halten? Nicht ein- mal dann, da sie vom wissenschaftlichen Standpunkt aus immer eine Torheit bleibt.

WOMIT SICH ITALIENISCHE PROFESSO- REN MÜHEN {Februar 1916). - Die italienischen Universitätsprofessoren haben sich in vielen Bemühun- gen, die den Zwecken des Krieges dienen sollten, ver- sucht; nach meinem bescheidenen Dafürhalten hätten sie sich diese ersparen können. Hier einiges davon.

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Eine Gruppe von Professoren hat ihren Kollegen vorgeschlagen, eine Vereinigung zu bilden „zum geist- lichen Beistand der Nation" ; und ich glaube, daß dieser Vorschlag irgendwie in die Tat umgesetzt v^orden ist, das heißt, daß ein Verein (mit Vorsitzendem, Stellver- treter und Schriftführer) ins Leben trat, von dessen Wirksamkeit freilich noch niemand etwas gehört hat. In der Tat ist der Gedanke „den Seelen beizustehen" ein Priestergedanke; er stößt nur auf die nicht geringe Schwierigkeit, daß, wer das Bedürfnis nach einem sol- chen Beistand fühlt, sich lieber gleich an den Priester selbst wendet, dessen Gestalt ihm von Kindheit auf in solchem Amte vertraut ist. Mit einem Professor am Kopfkissen zu sterben, der einem seine Gedanken ins Ohr flüstert nein, das lieber doch nicht!

Andere haben sich darauf geeinigt, in ihren Antritts- reden zum akademischen Jahr oder zu ihrem Sonder- kurs die dauernde Zivilisation der Romanen gegenüber der dauernden Barbarei der Germanen zu verherrlichen. Da aber dieses Unternehmen unsinnig ist, so ist's kein Wunder, daß die für diesen Zweck aufgesetzten Reden mit verkehrten Darlegungen, entstellten Angaben, häufig auch mit sehr ergötzlichen Schnitzern gespickt sind. Man stelle sich vor, daß ich selbst in einer der besten solcher Art, herrührend von einem gelehrten Mann mit vornehmem Empfinden, dieses wundersame Gesetzlein gefunden habe: „Lange bevor die Deutschen von Kant gelernt hatten, die Lehren der reinen Vernunft mit der praktischen Vernunft zurechtzumachen, hatte die Natur allen Gewalttätern Lügen, Trugschlüsse und Vorwände gelehrt, um wenigstens in ihren Augen alle Arten von Schurkenstreichen zu entschuldigen." (Eröffriungsrede des Prof. Patetta zum akademischen

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Jahr an der Univ. Turin, in der Riforma Sociale, XXXI, 845.)

Andere richten wieder ihre Polemik im besondern gegen Hegel, eine um so gefahrlosere und heftigere Polemik, da sie durch die Kenntnis dessen, was kriti- siert werden soll, keine Hemmung erfährt; gerade so wie der ältere Dumas behauptete, die erste Bedingung, um ein Land gut zu beschreiben, sei die, es niemals ge- ,sehen zu haben. So werden in einer andern Antritts- rede Dialektik und Idealismus vernichtet als „lügen- hafte", „hinterlistige", „erschreckende", „abscheuer- regende", „unmenschliche" und „zynische" Philo- sophie; und aus der Gegenüberstellung dieser falschen Philosophie mit der wahren und dauernden, derjenigen, die aus den erhabenen Grundsätzen von 1789 leuchtet, ist „philosophisch unser Endsieg hergeleitet". In der Nuova Antologm (Heft vom 1 6. Sept. 1 9 1 5, S. 224) habe ich gelesen: „Nicht wenige freie Geister des freien Deutschland erheben mächtig ihre Stimme gegen den Philosophen (Hegel), der die Gewaltherrschaft (!) durch einen Weisheitsgedanken wappnete; allein diese hat durch die hundertjährigen Auskunftsmittel der Be- stechung (!) und der Verfolgung Deutschland das Hegel- tum aufgedrängt, und hierauf in bewußter Tätigkeit (!) dessen Ausfuhr (!), begleitet von Schutzzöllen (!) in alle jene Länder eingeleitet, dazu ausersehen, das organisato- rische Genie des im Frieden triumphierenden Deutsch- lands zu bewundern." Eine Gedanken verfilzung, von der ich die Hände lassen will, nur daß ich aussprechen möchte, daß die Hegeische Philosophie in Österreich (wo vielmehr die gegensätzliche Philosophie Herbarts Glück gemacht hat) niemals Anhänger hatte und daß sie seit mehr als einem halben Jahrhundert einer ge-

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wissen Mißachtung und Vergessenheit anheimgefallen ist— der Alldeutsche Houston Chamberlain ist ein großer Verächter Hegels— so daß erst in den allerletzten Jahren dort wieder ihr Studium in Aufnahme gekommen ist, ganz besonders als Widerhall der Arbeiten eini- ger italienischer und englischer Forscher!

Wieder andere erheben den Kampfruf für die Be- freiung des italienischen Denkens vom deutschen Joch. Nur schade, daß sie fast alle bis zum Tag des Kriegs- ausbruches zu den sklavischesten Anhängern der deut- schen Forschung gezählt haben: so sehr, daß ich von einem unter ihnen, der jetzt am meisten um sich schlägt, in meiner Bücherei ein vor Jahren in Neapel gedrucktes Werkchen besitze, über den Einfluß Dantes (wohl- gemerkt Dantes!) in Spanien (wohlgemerkt in Spanien !) auf deutsch geschrieben, und in dem sogar die höchst neapolitanische Offizin des Universitätsdruckers sie stellt meine Geduld gewöhnlich durch ihre elenden Ab- züge auf die härteste Probe deutsch vermummt ist: Neapel. A. Tessitore und Sohn. Druckerei der K. Uni- versität! Knechtsinn gegenüber der Mode von damals, Knechtsinn gegenüber der Mode von heute; die Rech- nung stimmt genau. Wer aber, gleich mir, damals nicht knechtisch gesinnt war, wird, dank einer geistigen Un- abhängigkeit, jetzt dazu veranlaßt, die deutsche For- schung in Schutz zu nehmen. Und auch da geht die Rechnung glatt auf.

Noch andere wollen dazu beitragen, einen „intellek- tuellen" Bund zwischen Italien und Frankreich, wohl auch mit England zu stiften, als wenn die Männer, die auf dem Felde des Gedankens und der Wissen- schaft tätig sind, sich jemals durch geschicktes Reden von Handlungsreisenden für diesen oder jenen Erzeuger

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gewinnen ließen (etwas, das dank dem Wettbewerb zwischen den Erzeugern und dem Eifer der feindlichen Handelsangestellten nicht einmal auf wirtschaftlichem Felde gelingt) und nicht vielmehr ihre geistigen Hilfen frei dort suchten, wo sie wissen, daß sie zu finden sind, in Deutschland ebenso gut wie in Frankreich, im Morgenland wie im Abendland; für die Alltance de la culture latine hat sogar Herr Charles Benoist in der Nuova Antologia (V. Heft, i6. Dez. 191 5) das Wort ergriffen, der vor etwa zwanzig Jahren bei uns als Be- leidiger Italiens einen Sturm entfachte. Jetzt aber macht er es noch schlimmer; wenn er, zum Beispiel, von einem italienischen Buche spricht, das er vor kur- zem gelesen hat, sagt er, der Verfasser desselben zeige sich, nachdem er im analytischen Teil (!) ganz sich prächtig erwiesen habe, plötzlich, von der deutschen Me- thode verführt, ,,ergriffen von der verderblichen Sucht, ein riesenhaftes E)enkmal zu errichten ; er breche sich das Genick an diesem Gerüste, aus dem Objektivismus in den Subjektivismus taumelnd. Das Ergebnis war, nach Voltaires Wort, Metaphysik, denn die Hörer verstanden ebensowenig mehr wie der Redner sich selber". Herr Benoist hat keine Ahnung davon, daß die italienischen Forscher gerade, um dieser platten Art des Urteilens, die einmal in den französischen Büchern herkömmlich war, auszuweichen, sich der deutschen Wissenschaft in die Arme geworfen haben.

Andere endlich haben einen kürzern und praktischem Weg eingeschlagen, indem sie an ihren Fakultäten Tagesordnungen für die Entfernung dieses oder jenes deutschen oder österreichischen Kollegen von seinem Lehrstuhl veranlaßten, der seit vielen Jahren ehrenvoll zum Nutzen der italienischen Studierenden gewirkt

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hatte ! Darüber will ich nun kein Wort verlieren, denn so sehr es mir vernünftig erschienen vv^äre, vor dem Kriege die Abschaffung der gesetzlichen Bestimmungen zu fordern, die in den ersten Zeiten des geeinigten Italiens die Berufung ausländischer Lehrer zuließen, so w^enig großherzig dünkt es mich, jetzt diese Forderung zu erheben, so wenig würdig, sie mit persönlichen Spitzen zu versehen.

Ich will diese Aufzählung nicht fortsetzen, und werde dies vielleicht ein andermal tun, möchte jetzt aber nur im Vorbeigehen auf die Verzückungen hinweisen, in die Professoren und Zeitungsschmierer über den Stil " der Kriegsberichte des Generals Cadorna geraten sind : einen „starken neuen Stil" [forte stilnuovd), wie gesagt worden ist, (man sehe daraufhin einen Aufsatz imFanfulia dellado- menica von dem früher erwähnten Verfasser von Tessi- /'or^i^W*S'(9>^/?"), bestimmt, dem neuen Zeitalter des italie- nischen Schrifttums sein Gepräge zu geben. Ich lasse die Nachforschung nach dem Urheber oder den Urhebern der Prosa jener Kriegsberichte sie würde vielleicht für Italien die Enthüllung nicht eines, sondern mehrerer „Stilkünstler" bringen bei Seite ; ebenso die Bemer- kung, daß die einfache und gedrängte Schreibart allen Geschäfts- und Tatmenschen eigen ist, und man mit demselben Recht die neue Literatur von den Tele- grammen, die die Großunternehmer untereinander aus- tauschen, erwarten könnte: Was zeugt aber mehr von schwächlichem Literatentum, von literarischer Ange- faultheit, als den „Stil" von Urkunden zu bewundern, die jedes italienische Herz, angstvoll „Tatsachen" suchend, liest, ohne auch nur zu bemerken, ob sie „Stil" haben?

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WOMIT SICH DEUTSCHE PROFESSOREN MÜHEN {Februar igi6). Sündigen die italienischen Professoren in solcher und anderer Weise, tun dies nicht ebenso sehr auch die deutschen? und hat man nicht manchen Hinweis darauf in den Zeitungen gefunden, die beispielsweise die Urteile und die Lehren der Pro- fessoren Kohler und Sombart und Herrn Houston Chamberlains brachten ? Warum also (wird man sagen) richtest du nicht gegen sie etwas von dem Tadel, mit dem du den unsern gegenüber so freigebig bist ? Vor allem, weil nach Italien jetzt keine deutschen Bücher, Zeitschriften und Tagesblätter gelangen; und man kann nicht wohl etwas bemängeln, dessen genauen Wortlaut man nicht vor Augen hat ; sodaß ein derartiges Unter- nehmen notwendig auf die Zeit nach dem Kriege verscho- ben werden muß, wo dann jeder von uns, dem die Sorge um die Wissenschaft und Wahrheit obliegt, berufen sein wird, über den Gebrauch, den er von dieser Sen- dung gemacht hat, Rechenschaft abzulegen ; und viele, Deutsche wie Italiener, werden dann über das von ihnen Geschriebene erröten müssen, als auf offenkundigem bösem Willen, Lüge oder Verdrehung ertappt; die Deutschen noch mehr als die Italiener, denn wer kennt- nisreicher ist, hat auch mehr Verantwortung zu tragen. Freilich werden wir dann, für die Deutschen nicht weniger als für die Italiener, mildernde Umstände gel- tend machen ; wir werden gegen den früher erwähnten Herrn Houston Chamberlain nicht allzu streng ver- fahren, der trotz des Rufes, den er sich auch in Italien mit seinem dickleibigen Werk: Eiinleitung in die Ge- schichte des neunzehnten Jahrhunderts erworben hat, trotzdem nur ein schwacher Kopf, ein Dilettant schlimmster Gattung, bar allen Sinnes für Wahrheit

ist; wir werden Leute verstehen wie Sombart, einen Wirtschaftslehrer, der nicht ohne Verdienst ist, der aber schon in seinen Werken über die Entwicklung des Kapitalismus und über das Judentum die Neigung ge- zeigt hat, mit abstrakten Bestandteilen zu theoretisieren, in einem einzigen Ton zu malen, und fortgefahren ist, England und seine Geschichte in gleicher Weise darzustellen ; was Kohler anbelangt, so werden wir uns erinnern, daß dieser vielseitige Philosoph, Rechtslehrer, Historiker, Dichter, Übersetzer, stets auch in Deutsch- land selbst trotz einer gewissen ihm eignenden Leb- haftigkeit und geistigen Behendigkeit für einen großen Wortmacher und Leichtfuß angesehen worden ist, und daß auch dort viele über seine Verteidigung der welt- lichen Macht und der Autorität des Papsttums als etwas, das ausschließlich den lateinischen Völkern zu- komme und was Deutschland zum Nutzen dieser ewig Minderjährigen unterstützen müßte, gelächelt haben werden. Alles in allem : Was gehen mich gegenwärtig die Ungereimtheiten an, die die Herren Professoren in Deutschland drucken lassen ? Ich wollte, sie sagten zu ihrer Schande und zu ihrem Schaden deren noch viel mehr; wollte aber auch, daß viel weniger von solchen Sachen in meinem Vaterlande laut würde, das mich im Gegensatz dazu sehr viel angeht.

EINE FALSCHE ANEKDOTE {CriticaXIKMai igi6). Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, noch ein Blümlein aus einer akademischen Eröffnungs- rede zu pflücken, in der Art derjenigen, von denen öfters die Rede war. Dort lese ich: „Als Georg Hegel voll tiefen Nachdenkens in seinem Hause saß, und um ihn die Kanonen von Jena erdröhnten, zerschlug ein Granat-

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Splitter die Fenster seines Zimmers. Da rief der Philo- soph, unbekannt mit dem, was sich außerhalb des Kreises seiner Mauern und seiner Gedanken zutrug, seine Haushälterin und befrug sie über jene lästigen Geräusche der Außenwelt. Als er aber von Napoleon, von der Schlacht, von den besiegten Preußen, vom Wüten des Todes sprechen hörte, versetzte er: Das alles geht mich nichts an. Mache Ordnung, damit ich in Ruhe weiter arbeiten kann." (P. Savj Lopez, Neulateiner und Germanen^ EröfFnungsvorlesungen der Universität Pavia, in der Nuova Anto/ogia, i6. Jänner, S. 257). Ist das nicht geistreich.? Freilich von etwas seichtem Geist, obwohl der herkömmlichen Feinheit akademischer Hörsäle nicht unangemessen. Nur ist diese Anekdote nicht, wie der Vortragende sagt : mehr oder weniger geschichthch; sie ist geradezu falsch; falsch als Tatsache, falsch als Sinnbild. Als Tatsache, weil Hegel die letzten Seiten seiner Phänomenologie in der „der Schlacht bei Jena vorangehenden Nacht" vollendet hat, wie er selbst in einem Briefe des folgenden Jahres sagt, in dem er sich wegen der Vnform^'- dieser letzten Seiten ent- schuldigt: es ist das eine Einzelheit, die zu dem ab- gebrauchten Bilde über die „beim Donner der Kanonen von Jena" geschriebene Phänomenologie Anlaß gegeben hat und die auf Umwegen, die nicht erforscht zu wer- den brauchen, jetzt seltsam verunstaltet in der von dem italienischen Redner erzählten Anekdote wieder- erscheint ; Gott weiß aus welcher Quelle er sie geschöpft hat. Den folgenden Tag, während der Schlacht, steckte Hegel seine Niederschrift aus Furcht vor' Plünderung oder Brand seines Hauses in die Rocktasche, irrte in Jena umher, und suchte eine Woche hindurch zu erfahren, was aus seinen Freunden in Stadt und Umgebung,

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darunter auch Goethe, geworden wäre. Der Redner wird sagen, daß er, was ihn anbelange, mit seinem pochenden Herzen nicht imstande gewesen wäre, unter solchen Bedingungen die Phänomenologie zu vollenden ; ich bin bereit, ihm einzuräumen, daß er weder damals noch jetzt imstande gewesen wäre, nicht nur sie nicht zu vollenden, sondern überhaupt anzufangen. Wie dem auch sei, es ist bekannt genug, daß es ein Glück ist, hat man in den größten Aufregungen, in den stärksten Schmerzen eine begonnene Arbeit in Händen, die uns dadurch, daß sie uns in ihre Gedankenbahnen einspinnt und mit sich fortreißt, Zeit und Sorgen überwinden hilft. Falsch ist ferner jene Anekdote, wie ich schon sagte, auch als Sinnbild, denn Hegel war niemals ein von der Welt abgeschiedener Denker, gleichgültig gegen ihre Angelegenheiten, nie ein Mystiker oder ein Buddhist, vielmehr ausgeprägt „politisch", nicht bloß in der Grundrichtung seiner Philosophie (die damit den geraden Gegensatz zu Schopenhauer bildet), sondern auch in seiner besonderen Tätigkeit als Schriftsteller und Publizist; schon 1 798 um von anderem zu schweigen— hatte er über die Reform der Verfassung Württem- bergs (seiner Heimat) sich vernehmen lassen, und zwischen 1801 und 1803 eine bewundernswerte Zer- gliederung der Umstände, die Deutschlands politische Ohnmacht herbeiführten, gegeben; er war endlich Tagesschriftsteller, hat bis in seine letzten Lebens- tage über die politischen Aufgaben seiner Zeit nach- gedacht und kräftig an der preußischen Politik der Restaurationszeit mitgewirkt. Allein unser Redner bedient sich des albernen von ihmerzählten Märchens, um bis zu mir herabzusteigen: zu „einem unserer Philo- sophen . . . der etwas ähnliches wiederholt hat, als er

8 Croce, Raiidb<!ii>erkuagea eines Philosophen 11^

die italienischen Forscher ermahnte, während des Krie- ges, als gäbe es keinen Krieg, die gewohnte methodische Arbeit fortzusetzen, und sich vor dem bürgerlichen Fieber zu hüten, das deren Klarheit trüben könnte. Allein wie viele unter uns werden sich bereit finden, dieser Stimme zu folgen, die aus dem eisigen Himmel geistiger Abstraktion zu tönen scheint, fremd jeder Lebenswärme?" Hieraus erhellt, daß der Redner mehr „Lebenswärme" als ich zu haben glaubt darüber mag er denken wie er will , aber auch daß er von den Dünsten seiner sprühenden Glut umnebelt, meine Worte nicht verstanden hat; denn diese waren keines- wegs eine Aufforderung an die Forscher, sich den Bürger- pflichten zu entziehen, vielmehr ein Ansporn, nicht müßig zu gehen, die Zeit nicht mit leeren und wenig würdigen Dingen zu vertun, wie es gerade der Miß- brauch der Wissenschaft zu Kampfzwecken ist. Man lasse sich als Soldat einreihen, als Krankenwärter ver- wenden, trage zum Hilfswerk für die Familien der Kämpfer bei, oder zu ähnlichem, je nach Anlage und Möglichkeiten: das sind alles sehr löbliche Dinge; allein man rechne nicht zu seinen bürgerlichen Pflich- ten, alltäglich den Schülern und Lesern Abgeschmackt- heiten vorzusetzen und dem Volk zu verkünden, daß man seine gewohnte Beschäftigung aufgegeben habe und j etzt fromm gesammelt dastehe, um für das Vaterland zu bangen, darauf bedacht, seine lebhaften Kümmernisse den trägen Gemütern der andern einzuflößen. Das nützt nichts und niemandem ; unser Volk ist ruhig und ent- schlossen und hat kein Bedürfnis nach Reizmitteln; im Gegenteil, dieses beflissene Darreichen nicht ver- langter Reizmittel ist vielmehr geeignet, Mißtrauen und Verdacht zu erwecken.

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GRENZEN DER LEHRE VOM STAAT ALS MACHT [Mai igi6). Bevor ich zu andern Erwä- gungen übergehe, möchte ich noch die Lehre vom Staat als Macht mit ein paar guten Hammerschlägen befestigen. „Lasse ich eine so schöne Gelegenheit vor- beigehen (sagt Renzo von der Pest in Mailand), so bietet sich mir nicht mehr eine zv^eite der Art!" Nüt- zen wir diesen harten Krieg nicht, um uns von den abstrakt-humanitären Vorurteilen zu befreien und die wahre Lehre vom Staat uns zu eigen zu machen, wann wollen wir klug werden? Es scheint mir aus den vor- ausgegangenen Darlegungen klar hervorzugehen, daß die Politik gleich der Wirtschaftslehre ihre eigenen, von der Sittlichkeit unabhängigen Gesetze hat: und daß nicht sowohl der sittlich handelt, der sich vergebens gegen sie auflehnt, als derjenige, der sie der sittlichen Pflicht unfcirordnend annimmt, beispielsweise für sein Vaterland kämpft : rig/it or wrong, it is my country. Dies im Vorbeigehen gesagt bringt eine tiefgehende Richtigstellung von Hegels Lehre mit sich, der noch den Staat und den Kampf um den Staat als der Sittlichkeit „übergeordnet" auffaßte, während die von mir ver- teidigte Lehre ihn sogar als „untergeordnet" auffaßt (wenn auch mit seiner eigenen Beschaffenheit begabt, die die Sittlichkeit anwenden, aber niemals verzerren darf): eine Richtigstellung, die ich nicht erst heute vorschlage (man sehe z. B. meinen Versuch über He gel ^ N. A. von 191 3, Anhang S. 159—162). Forscht man nun nach den Ursachen, aus denen die Lehre vom Staat als Macht oder von der Selbstherrlichkeit der Politik solches Widerstreben auszulösen pflegt, so wird man bemerken, daß eine der stärksten unter ihnen die Furcht ist, es möchte, sobald die Politik von der Sittlichkeit

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unabhängig gemacht wird, alles erlaubt erscheinen, jede noch so scheußliche Grausamkeit, jeder noch so schmähliche Betrug, jegliche Vergewaltigung, jeglicher Verrat. Aber wer hat jemals behauptet, daß damit alles erlaubt sei ? Gewiß ist alles erlaubt, was zum Siege führt, aber Sieg ist nicht der einfache Augenblicks- erfolg, der wieder verloren geht und bald, wenn er auf üble Weise errungen ist, sich rächt, sondern schlecht- hin der Sieg: das heißt nicht ein einfach äußerlicher und vergänglicher Triumph über den Gegner, sondern ein geistiger und dauernder, ein Triumph der Fähig- keit, Klugheit, Voraussicht, etwas, das dem eigenen Volk und ^ der gesamten Menschheit die Frucht des Kampfes sichert. Darum muß man vermeiden, den besiegten Feind in seiner Ehre zu treffen oder ihn all- zusehr in seiner Selbstachtung zu erniedrigen; daher muß man trachten, ihn in einer Lage zu belassen, die nicht unerträglich ist, oder seiner Tätigkeit andere Wege weisen; dafür sorgen, internationale Rechte und Gepflogenheiten zu beobachten, die Erzeugnisse der Geschichte sind und die, obwohl sie nicht als fest- stehend und unbedingt, ohne Ausnahme gültig, be- trachtet werden können, dennoch ihren großen Wert in sich tragen: wer gezwungen ist, ihn irgendwie zu verletzen, spielt ein gefährlich Spiel, ähnlich dem Arzte, der einen kühnen Eingriff wagt oder ein ge- waltsames Heilmittel anwendet, das den Kranken wohl retten, ihm aber auch später ein neues Übel zuziehen kann ; das beweist der Eifer, den die Deutschen an den Tag legen, um die von ihnen vollführten Gewalttaten zu rechtfertigen, indem sie sie der Notwendigkeit oder der vorbeugenden Abwehr gegen die Feinde, die die näm- lichen Gewalttaten planten, zuschr.eiben. Das, was sich

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später ereignet, die folgende Geschichte, ist die wahre Richterin über die Einsicht, mit der ein Staat um seine Macht gekämpft hat, ohne die Grenzen des Kampfes zu überschreiten und allein das erfüllend, was wirklich und innerlich notwendig, fruchtbar für den Sieg war: jeder erinnert sich, wie einem Napoleon die Ermor- dung des Herzogs von Enghien niemals vergeben wurde, oder den Bourbonen von Neapel der Bruch der Kapitulationen und die Meineide, mit denen sie sich zwar den Sieg für den gegenwärtigen Augenblick sicherten, zugleich aber auch ihre eigene Niederlage für die nächste Zukunft vorbereiteten ; auch den Deut- schen werden die Gewalttaten und Grausamkeiten, deren sie sich schuldig gemacht haben, nicht vergessen wer- den, und sie werden sie irgendwie sühnen müssen (so- weit sie Bestätigung finden werden).

Nur sind diese Hemmungen und Grenzen, die der Staat als Macht empfinden und innehalten muß, durch- aus nicht etwas, das von außen kommt oder die Sitt- lichkeit ihm wie einen Aufschriftzettel anheftet ; es sind Hemmungen und Grenzen, die er in sich selbst findet und aus seiner eigenen Beschaffenheit, aus seinen Zie- len, seinem Nutzen und sozusagen aus seinem Erhal- tungstrieb ableitet. Der Mangel an Hemmungen und das Überschreiten der Grenzen wird in der Politik nicht Sünde oderVerbrechen genannt, sondern „Irrtum" (nach Talleyrands glücklichem Ausdruck) : Irrtümer, die in diesem Umkreis noch schwerer wiegen als Verbrechen und Sünden. Deshalb wird die Lehre von der Selbst- herrlichkeit der Staaten, von der Unabhängigkeit der Politik und der Sittenlehre durch die Anerkennung ihrer notwendigen Grenzen und Hemmungen nicht erschüttert, sondern bestätigt und gefestet. Genau so

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wie es bei einer andern Unabhängigkeitslehre zutrifft, die nicht weniger als die von der Politik angegriffen, auch ihrerseits immer noch von dem großen Haufen abgelehnt wird, da auch sie den Furchtsamen zu allen möglichen Ängsten Anlaß gibt: die der Unabhängig- keit der Kunst von der Sittlichkeit. Mithin (sagen die Gottesfürchtigen) soll aller Schmutz, soll jede Zote in der Kunst erlaubt sein? Gewiß nicht, weil Schmutz und Zoten eben keine Kunst sind, und diese nicht nötig hat, sich bei der Sittlichkeit Rats zu erholen, um dergleichen zurückzuweisen; es genügt ihr, sich von sich selbst, aus ihrer eigenen Natur heraus beraten zu lassen, die als reiner Gefühlsausdruck und reine Anschauung nicht zugleich Sinnlichkeit und Wollust sein kann. Darum ist die wahre Kunst, die eben Kunst, nicht Sittlichkeit ist, nicht im Zwiespalt mit dieser, ebenso wie die wahre Politik, eben Politik und nicht Sittlichkeit, dieser nicht widerspricht und sehr wohl mit ihr verbunden sein kann.

GEGEN DAS ACHTZEHNTE JAHRHUN- DERT {Mai igi6). Wenn ich in meinem gewohnten Verfahren, in den Geist der Gegner einzudringen und die Beweggründe ihrer Einwürfe zu erfassen, diesmal den dunklen Punkt, den ich oben aufhellen wollte, ge- funden habe, so scheint es mir doch unmöglich, zu leugnen, daß der Grundantrieb, dem der Widerwille gegen die Lehre von der Selbständigkeit der Politik (sowie die von der Selbstherrlichkeit der Kunst) ent- springt, immer noch aus der Geistesverfassung des acht- zehnten Jahrhunderts herkommt, die noch zum großen Teile in der Gesellschaft des zwanzigsten Jahrhunderts fortlebt und künstlich aufrecht erhalten wird, geradeso

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wie die katholische Kirche die Geistesverfassung des Mittelalters oder vielmehr der Zeit der Gegenrefor- mation festhält. Es ist schvs^ierig, diese veraltete Gei- stesverfassung durch Aufhellung einzelner Begriffe zu beseitigen, eben weil sie nicht in einzelnen Irrtümern, sondern in der Gesamtheit einer geistigen Erziehung und Richtung wurzelt. Der Anhänger des achtzehnten Jahrhunderts in unserer Gegenwart verhält sich zu der neuen historischen Philosophie fast ganz so, wie der Anhänger des achtzehnten Jahrhunderts Abbe Morellet gegenüber der neuen Dichtung eines Chateaubriand. Man erinnert sich seiner vielberufenen Kritik. Chateau- briand hatte im Atala vom Mond gesagt: „. . . Er hüllt die Wälder in jenes große schwermütige Geheimnis, das er den alten Eichen und den ehrwürdigen Meeres- gestaden zu erzählen liebt." Morellet bemerkte dazu: „Ich frage, worin das große schwermütige Geheimnis liegt, das der Mond den Eichen erzählt? Bekommt ein vernünftiger Mensch, wenn er diese gesuchte und gewundene Redensart liest, davon irgendwelche klare Gedanken?" Der Abbe Morellet war nicht zu wider- legen: um das zu tun, hätte man ihm den Kopf zu- rechtsetzen müssen, den ihm der Konvent auf den Schultern belassen hatte.

Da mir nichts anderes zur Hand ist, wende ich mich für jetzt gegen die Freimaurerei, nicht sowohl, wie es gewöhnlich geschieht, weil ich sie für eine gefährliche Verbindung von Ränkeschmieden und Strebern halte (davon weiß ich nichts, ja ich wäre sogar bereit, sie mit Francesco de Sanctis, der selbst Freimaurer war, für eine einfache Wohltätigkeitseinrichtung der ganzen Welt anzusehen!), als weil gerade diese Einrichtung, entstanden am Schlüsse des siebzehnten Jahrhunderts,

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beim ersten Auftauchen der verstandesmäßigen Rich- tung, ausgebildet im achtzehnten Jahrhundert, jetzt der radikalen Demokratie dienstbar gemacht, vom kleinen Bürgertum erfüllt, von der Bildung von Elementar- schullehrern erleuchtet und gestärkt durch den ratio- nalistischen Vereinfachungsgeist des Judentums, das größte Sammelbecken der „Geistigkeit nach Art des achtzehnten Jahrhunderts" ist, eines der größten Hin- dernisse, das den lateinischen Ländern im Wege steht, wenn sie sich zu wahrem philosophischem und ge- schichtlichem Verständnis der Wirklichkeit und einem der neuen Zeit angemessenen politischen Leben auf- schwingen wollen. Vielleicht ist es in naher Zukunft nicht mehr nötig, sich darüber Gedanken zu machen : der gegenwärtige Krieg, gleichgültig zu welchen inter- nationalen Einrichtungen er führen wird, hat schon den Sozialismus gestürzt, dessen Tod, den Tod von innen heraus, der der eigentliche Tod ist, schon vor fünf und mehr Jahren vorausgesagt wurde (Croce, Kultur und sittliches Leben, S. 167—179) und der jetzt auch von außen her gestorben ist oder höchstens noch wie eine in ihrem Schlupfwinkel verkrochene Hyäne heult, gierig danach, an Leichen ihren Fraß zu halten : ein wenig würdiges Ende für eine Scliule, die einst da- von geträumt hatte, die Proletarier der ganzen Welt in ein Bündnis zusammenzuschließen, sich der inter- nationalen Politik als eines Überrestes des bürgerlichen Zeitalters zu entledigen und das friedliche Zusammen- leben der Proletarierklassen aller Länder zu begründen. Hingegen hat der Krieg gezeigt, daß die zwischen- staatlichen Kämpfe noch immer den Vorrang über die sozialen behaupten und daß die handelnden Personen in der Weltgeschichte die Völker, nicht die Klassen

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sind. Er hat ferner die humanitäre oder freimaurerische Ideologie erschüttert, umgestürzt und zu fast vollstän- digem Verfall geführt, da der Krieg (wie ihre Anhänger seufzen) bewiesen hat, daß im Menschen nicht der seraphische Logenbruder, so wie sie ihn erträumten, steckt, sondern das „blutdürstige Tier" ; wie er ander- seits mit der Tat gezeigt hat, daß im Menschen noch immer der Held steckt, bereit, sein Leben und alle Wohlfahrt zu opfern, um eine Fahne zu verteidigen, heiße sie nun die Italiens oder Frankreichs, Deutsch- lands oder Österreichs, Englands oder Rußlands, bereit, sich aufzuopfern für etwas, das über ihm steht, und zufrieden mit dem Opfer seiner selbst, einen Gesang, einen Vers, ein Wort, der größten aller Dichtungen einzuverleiben, jener, die die Geschichte aus den Handlungen der Menschen webt, bald harmonisch zu- sammenklingend, bald sich infolge höherer Harmonien entzweiend und einander entgegentretend. Dies alles, den Krieg, diese religiöse Hekatombe, zu der das alte Europa im Glauben an seine Zukunft und auf seine Kindeskinder blickend, sich dargeboten hat, dies wie es die Humanitarier und die Freimaurer tun einen „Überrest von Barbarei und ein Überlebsel blutdür- stiger Triebe" zu nennen, ist ein Urteil, das allein hin- reichen würde, um die unheilbare Minderwertigkeit, Enge und Stumpfheit der geistigen Form des Frei- maurertums an den Tag zu bringen.

GEISTIGE KRAFT UND VOLKSKRAFT

{Mai igi6). Diese Dinge führen abermals zu der Schlußfolgerung, daß die Völker, die sich auf den Schlachtfeldern besiegen lassen, die nämlichen sind, die bereits auf denen des Gedankens und der Kultur unter-

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legen sind, und daß darum die in argem Leichtsinn handeln, die frohgemut fortfahren, veraltete Begriffe und oberflächliche Urteile zu verbreiten, unter dem Vorv^and, den Krieg zu fördern und die Gemüter für ihn zu erwärmen, während sie mit ihrem verderblichen Werk in Wahrheit zur Niederlage beitragen würden, wenn nicht zum Glück die selbstwilligen Kräfte des Volkes, der nicht zu beseitigende klare Menschenver- stand und die Logik der Dinge jener abgeschmackten Zungendrescherei Widerstand leisteten und sie eben als hohles Geschwätz erscheinen ließen. Die besten Män- ner Frankreichs haben nach 1870 alle geurteilt, daß Frankreich die unglücklichen Ereignisse jenes Jahres durch die Minderwertigkeit seiner geistigen Arbeit vorbereitet habe. Nun befinden wir, Italiener, Fran- zosen, Engländer, uns sicherlich nicht in der Lage des damaligen Frankreich; anderseits besitzen wir so viel an entwickelter und erworbener geistiger Lebhaftigkeit, daß wir, gerade so wie wir in aller Eile unsere unge- nügende Vorbereitung für den modernen Krieg ausgegli- chen haben, mit derselben Raschheit wenigstens in dem, was das Wesentlichste und Dringendste ist, der Schwäche unserer Leitgedanken werden abhelfen können. Denn was man in vielen Jahren nicht zu erlernen ver- mocht hat, läßt sich bisweilen an einem Tage, durch eine Gemütserschütterung lernen (und wo gibt es eine größere Erschütterung, als die wir jetzt an uns erleben ?), die uns in die Lage setzt, eine vorher verkannte oder dunkle Wahrheit in uns aufzunehmen.

LEIDENSCHAFT UND WAHRHEIT. UN- ZULÄNGLICHE GRÜNDE {Mai 1916). - Man kann nicht sagen, daß meine Randbemerkungen philo-

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sophisch-politischen Inhalts unbemerkt geblieben sind. Sie haben vielmehr eine stattliche Anzahl privater und öffentlicher Erwiderungen hervorgerufen, zum Teil beleidigender Art wie billig, berücksichtige ich diese nicht zum Teil mit Phantasiegründen ge- stützt und in Gemütsbewegungen gipfelnd. Nein, darum handelt es sich jetzt wahrlich nicht! Redne- rische Hilfen müssen jetzt beiseite gelassen werden, denn wir befinden uns in den Hallen der Wissenschaft, so gut oder schlecht sie sein mögen, ich habe logische Gründe zur Unterstützung der dargelegten Begriffe beigebracht ; und nur Gegengründe logischer Art dür- fen mithin herangezogen werden. Mit Phantasiegrün- den ist bekanntlich jede Lehre bekämpft worden, die gegen überkommene geistige Einstellungen verstieß; von der astronomischen der Bewegung der Erde um die Sonne an (die der Augenerfahrung widersprach) bis zu der spekulativen der Idealität der Außenwelt (die der Tasterfahrung entgegentrat).

Ebensowenig gelten die Zweckmäßigkeits- gründe, wie etwa die Gefährlichkeit gewisser Lehren in der Kriegszeit darzulegen, weil sie die Leidenschaf- ten herabmindern, die Kraft der Kämpfer und des ganzen Volkes, das in seiner Gesamtheit kämpft, läh- men könnten. Ist eine Lehre wahr, so kann sie keine andern als gute Wirkungen haben, kann sie nur jeg- liches gute Ding achten und fördern; es ist ein eitles Beginnen, über die Mißverständnisse, die sie bei an- dern herbeiführen könnte, zu faseln, wie über die üblen Wirkungen, die sie zur Folge haben würde, und die Dummheit unserer Nebenmenschen zur Voraus- setzung zu nehmen, weil man unter dieser Vorausset- zung niemals wüßte, wie man sich benehmen sollte:

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jedes Wort, ja das Schweigen selbst kann „mißver- standen" werden.

Darum gibt es keinen andern Weg, sich von einer Lehre freizumachen, als den, sie als logisch verfehlt und deshalb schädlich nachzuweisen. Im vorliegenden Fall hat dies ein der Philosophie Beflissener versucht, indem er mir einwandte, daß geradeso wie im wissen- schaftlichen Streit das, was den Streitenden anfeuert, der Glaube ist, er halte die Wahrheit in Händen gegen- über dem vom Irrtum verblendeten Gegner, dies auch im politischen und nationalen Kampfe zutreffe, in dem der Kämpfer sich für den Verteidiger der gerechten gegen die ungerechte Sache hält. Dieser Einwand könnte wie er sicherlich formell richtig ist gelten, wenn politische und nationale Kämpfe wissenschaft- lichen Streitigkeiten vergleichbar wären , oder aber sittlichen Kämpfen, zu denen uns lediglich der Glaube an die Wahrheit und das Bewußtsein des Rechten drängen, und in denen uns die Pflicht zufällt, haben wir uns im Irrtum befangen erkannt, uns der Wahr- heit, die dargelegt ward, zu beugen und der nunmehr erwiesenen Redlichkeit des frühern Gegners unsere Achtung auszudrücken. Aber ich lasse nicht davon ab, auf folgendem Punkt zu bestehen : daß es notwen- dig sei, auf der Hut zu sein, damit der Umstand der Verschiedenheit zwischen den einzelnen geistigen Formen nicht außer acht gelassen werde: das heißt, in unserem Fall, sich klare Rechenschaft davon zu geben und niemals aus den Augen zu verlieren, daß die po- litischen Kämpfe, von denen die Rede ist, nicht wissen- schaftliche oder sittliche, sondern eben politische, oder wie ich sie verallgemeinernd nenne, wirtschaft- liche Kämpfe sind.

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Nun liegt der Fall in der Tat so : in den politischen und wirtschaftlichen Kämpfen ist zum Unterschied von den sittlichen und wissenschaftlichen kein anderer Glaube denkbar als der an die eigene Kraft und Fähig- keit: ein Glaube, der anders als bei diesen letzten die Achtung, nicht die Mißachtung von Seiten des Geg- ners zuläßt und mit sich bringt, namentlich wenn dieser nicht ein schmählicher Feind ist und unserer Kraft seine eigene starke Kraft entgegensetzt. Einem jungen Manne, der jetzt im Heere dient und mir schrieb, könnte er jemals meiner Auffassung gemäß denken, daß unsere Gegner ebenso im Recht wären wie wir, so müßte er sich vom Kampfe abgehalten fühlen, habe ich erwidert, daß er sich sicherlich über seine Empfindung täusche und es ganz unmöglich sei, daß er als Soldat es für schöner und tröstlicher halte, Räubern und Verbrechern, einem Gesindel, oder Hel- fern von Gesindel gegenüberzustehen, als Soldaten gleich ihm selbst. Verbrecher sind, wie mir scheint, nicht der Ehre wert, von Soldaten bekämpft zu wer- den, dafür sind Häscher und andere Wächter der öffentlichen Sicherheit da. Man schreit so viel über „Barbarei" ; wie kommt es, daß man nicht bemerkt, wie Haß, Verleumdung, Beleidigung, Hohn und Spott

fegen den Gegner im modernen Krieg echte und rechte Jberbleibsel der Barbarei sind, die häufig genug künst- lich hervorgerufen und zwischen Völkern, die dieselben Götter verehren, lebendig erhalten werden?

Den Phantasie- und Zweckmäßigkeitsgründen haben sich zuweilen solche gesellt, die ich die Ehrfurchts- gründe nennen möchte; denn man hat mich ermahnt, Männern gegenüber, die, wenn sie auch fälschlich ur- teilen, doch immerhin von Leidenschaften edelsten

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Ursprunges beseelt sind , mit meinen Ausstellungen zu- rückzuhalten oder sie wenigstens zu mäßigen. Gewif3, begegnet es mir, daß ich Ergüsse solcher Art von den Lippen Ungebildeter höre, so hüte ich mich wohl, meine Ansichten hervorzuholen und einen kalten Strahl auf den Feuerbrand von Liebe und Haß zu richten ; das wäre unnütze Mühe, ja in diesem Fall vielleicht schädlich, weil vorschnell auf noch unreife und unvorbereitete Gemüter wirkend. Maxima puero dehetur reverentia dem Kinde soll man Ehrfurcht zollen ! Allein, die Männer der Forschung, die Profes- soren, an die ich mich in dieser Rundschau wende, sind nicht Knaben; und mag sie auch die Leiden- schaft verwirren, so besitzen sie doch in sich selbst die Mittel, ihren Geist zu klären. Es geht aber noch um etwas anderes. Es sind solche darunter, denen ich nicht glaube, daß sie so verstört sind, wie man behauptet, und daß sie, aus Liebe zur Heimat, den Kopf verloren haben : ich glaube vielmehr (und dessen klage ich sie an), daß sie ihn vielmehr recht sehr auf ihren Schul- tern behalten haben: den alten Kopf, das alte Gehirn aus Friedenszeiten, mit der Neigung, die Wahrheit als etwas zu behandeln, das den zufälligen Erfordernissen anzupassen erlaubt sei. Es sind nun schon ein paar Jahrzehnte her, daß ich in der akademischen Welt lebe, ohne ihr anzugehören, als eine Art „Regiments- freund" nach Scribe; ich kenne hinlänglich die Ge- wohnheiten dieser meiner guten Freunde, die allzu leicht geneigt sind, die Wissenschaft praktischen Rücksichten unterzuordnen, Methoden und Lehren zu rühmen oder zu verdammen, je nach den Einflüssen von Machthabern, der Kund- und Freundschaft, der ge- werbsmäßigen Zu- und Abneigungen der Volksgunst.

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Diesen Neigungen entsprechend, meine ich, haben sie nicht allzuviel Mühe gehabt, den Aufbau ihrer Be- griffe und Urteile mit einem Schlage zu ändern, kaum daß die internationale Lage sich geändert hatte und der Krieg ausgebrochen war. Man kann also von mir erv^arten, daß ich gegen die Schw^achheiten von heute Nachsicht übe und in diesen Randbemerkungen suche ich es auch zu tun, indem ich, sov^eit als mög- lich, keine Namen nenne und persönliche Angriffe vermeide aber verlangen, daß ich das aus Gründen der Achtung tue, das ist wahrhaftig zu viel verlangt !

VOM VÖLKERRECHT {Critica XIV, Mail Sept. igi6). In diesen Kriegsjahren hat man öfter vom „Tod" oder „Niederbruch" des Völkerrechts ge- hört, zusammen mit der Verteidigung durch die An- hänger dieses Rechts, die darzutun suchten, daß die vorgefallenen Verletzungen keineswegs seine Geltung aufheben, höchstens für einige Zeit sein weises und wohl- tätiges Wirken unterbrechen, daraufgerichtet, in einer mehr oder weniger nahen Zukunft die Abschaffung der Kriege und die Einführung des ewigen Friedens durchzusetzen. Beim Anhören dieser Anklagen und Verteidigungen dachte ich bei mir, daß eines stets lebendig und ein anderes diesmal wirklich gestorben ist. Tot ist der trügerische Gedanke des Völkerrechts als einer sittlichen Gesetzgebung der Menschheit; lebendig ist aber das Völkerrecht in seiner tatsächlichen Wirklichkeit von Richtlinien, die im gegenseitigen Einvernehmen der Staaten sich herausgebildet haben, und von denen einige, jetzt von allen oder von eini- gen Staaten abgelehnt, nach dem Kriege entweder wiederherzustellen oder abzuschaffen oder zu berich-

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tigen sein werden. Was ist denn überhaupt das tat- sächliche Leben jedes Rechtes? Was anderes liegt in jedem Recht, als Aufstellung und Annahme von Richtlinien, Auflehnung, Abschaffung, Wiederher- stellung und Reformen, da alles, was den Kampf der Interessen widerspiegelt, der praktischen Angemessen- heit der einzelnen geschichtlichen Augenblicke ent- spricht ?

Indessen bietet das Völkerrecht, das die Rechtsge- lehrten mit Unrecht von dem übrigen Recht als „der Bestätigung entbehrend" oder mit „unzureichender Bestätigung versehen" scheiden, gerade dieses Grund- wesen dar: die eigentliche Beschaffenheit jeglichen Rechts und seine tiefste, einzige Grundlage, welche die Stärke, das heißt die wirtschaftliche Angemessen- heit ist, besser durchblicken zu lassen. „Das Natur- recht der Völker (hat Vico gegen die Gelehrten seiner Zeit eingewendet) ist ein Recht der öffentlichen Ge- walt, die Staats vertrage werden durch die Kraft, die die Staaten entfalten, gestützt; andere Mächte halten sich darüber nicht auf, besonders wenn auch sie ihnen bei- treten, vor allem jedoch, wenn sie dafür bürgen."

Allein auch Vico schied von diesem Völkerrecht, „das zwischen den staatsbürgerlichen Gewalten gilt, die kein gemeinsames bürgerliches Recht besitzen", jenes bürgerliche Recht, das „unter den Bürgern im Ansehen steht, die, als unterworfen einer gemeinsamen höchsten Waffengewalt, nur mit den Waffen der Vernunft kämpfen können". Nur ist diese Unter- scheidung höchst gebrechlich, da das Leben des bür- gerlichen und nationalen Rechtes denselben Ursprung und denselben Verlauf hat und den nämlichen Wechsel- fällen wie das Völkerrecht unterworfen ist ... Es scheint

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bloß, daß um jenes mit der Vernunft gekämpft wird, der Kampf ist aber immer einer der Macht oder des Ansehens ; nur die Vernunft, oder genauer gesagt, die Auslegung und Anwendung der Gesetze ist in der Tat ebenso veränderlich wie in den Beziehungen zwischen den Staaten, und der Umsturz der Gesetze vollzieht sich hier mit derselben Notwendigkeit wie der in den zwischenstaatlichen Verhältnissen ; die Bürger der herr- schenden Klasse sind wohl geneigt, die bestehenden Gesetze als eine unverletzliche, vernunftgemäße und sittliche Gesetzgebung anzusehen, allein die Unzufriede- nen und die Empörer betrachten sie nicht in derselben Weise, da sie sich gegen den Zwang des bürgerlichen und Strafrechtes zur Wehr setzen, genau so wie ein Volk, das sich von einem andern in seiner Ehre ver- letzt, vergewaltigt oder ausgebeutet erachtet, an den Zügeln des Völkerrechts und seiner feierlichen Ver- träge reißt. Die Bestätigung des Völkerrechts liegt in der Macht, die gerade so wirksam andauernd wie das nationale Recht oder ebenso unwirksam und vor- übergehend ist, je nach dem einzelnen Falle; die Macht, die, wohlgemerkt, nur dann Macht ist, falls sie die andern als für sich nützlich erachten oder sich ihr als dem kleineren Übel anfügen und anpassen.

Ist aber das Leben des Völkerrechts und jeden an- deren Rechtes so beschaffen, wie wir es hier zu um- schreiben gesucht haben, so sollte auch klar werden, daß es nichts Törichteres gibt, als vom Recht die Ab- schaffung der Kriege zu erwarten. Denn das Recht ist in sich selbst Kampf oder Krieg, oder ein Zwischen- spiel von Kampf und Krieg, und es vermag den Krieg nicht abzuschaffen, ohne sich selbst abzuschaffen. Die Richtlinien, die es aufstellt und die der allgemeinen

9 Croce, Randbemerkungen eines Philosophen I 20

praktischen Einstellung des wirtschaftlichen Lebens dienen, sind ein Erzeugnis von Kriegen oder Voraus- setzungen für neue Kriege, sie werden durch Kriegs- drohung oder durch den ausgekämpften Krieg aufrecht erhalten und formen sich in ähnlicher Weise um. Würde auch einmal das ersehnte Schiedsgericht der Staaten verwirklicht, so liegt es wohl auf der Hand, daß der Krieg trotzdem durch gewisse rechtliche Fik- tionen weiterbestehen würde, vermöge der Anstren- gungen, dieses oder jenes beschlossene oder auf Ab- stimmung ruhende Vorgehen, eine bestimmte Zahl von Beauftragten, durchzusetzen oder vermöge der periodischen Reformen dieser Einrichtung unter dem Druck drohender Kriege oder als Folge von durch- gekämpften Kriegen. Auch wenn man aus Gründen technischer Art dazu gelangte, den unmittelbar mör- derischen Krieg aufzugeben, wie er mit Geschützen und Torpedos geführt wird, so würde darum nicht jede andere Form des Krieges citra effusionem sanguis auf- hören: als der Krieg des Hungers, der Einkreisung, des wirtschaftlichen Zwanges, ja selbst des Bannes!

Es gibt viele, die, obgleich sie nicht unmittelbar diese Wahrheiten des gesunden Menschenverstandes zu leug- nen vermögen, sich dennoch von der Wirklichkeit, die diese vor Augen stellen, unbefriedigt zeigen, als (wie sie sagen) ihrem Gefühl widerstrebend, abscheu- lich, schlecht. Allein, sie müßten uns doch erklären, worauf sich denn ihre Unzufriedenheit gründet. Auf die anerkannte Übermacht der Sittlichkeit, Kriege und Kämpfe« aus der Welt zu schaffen und das Recht zu formen ? Ist aber die Sittlichkeit unvermögend, zu be- wirken, daß Recht nicht Recht sei (sowie sie nicht be- wirken kann, daß Kunst nicht Kunst sei), so vermag

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sie hingegen im höchsten Grade das Gewissen und den Willen zu formen und sittliche Erfordernisse aufzu- stellen, die fortwährend in der Geschichte des Rechts wirksam sind, obwohl sie notwendigerweise stets die Form des Rechtes, der Macht, des Nutzens an- nehmen mußten: darin liegt ja gerade der sittliche Fortschritt der Menschheit. Oder auf die tragische Be- stimmung des Menschen, dazu verurteilt, zu leiden und leiden zu machen, den Tod zu geben und ihm selbst zu erliegen? Aber da ein Leben ohne Schmerz, ein Leben, das nicht Tod ist und nicht den Tod in sich trägt, unfaßbar ist, so fehlt hier der Maßstab des Glückes, an dem jenes pessimistische Urteil über das wirkliche Leben zu messen wäre: es sei denn, daß jene Pessimisten in ihrem Gehirn den Plan einer bessern Welt, als die Gott zu schaffen verstanden hat, trügen, einen Plan, den kennen zu lernen gar wunderbar wäre, wäre es auch nuif um ihn als ein unerreichbares Schö- nes anstaunen zu können. Zieht sich übrigens eine logische Gegnerschaft auf das Gefühl zurück, so ist sie reif, sich zum Roman zu wandeln: zu dem Roman der Freifrau von Suttner, als welcher die einzige Stufe der Kunst ist, die die Begeisterung der Humanitarier zu erreichen vermag. Alle sonstige Kunst ist leider, wie das Leben selbst, dialektisch und antipazifistisch,

NOCH ETWAS ÜBER DIE PHILOSOPHIE DES KRIEGES {Mai I Sept. jpiö). - Gewisse merk- würdige Empfehlungen locken mir ein Lächeln ab, die einige wenig glückliche Schriftsteller über philo- sophische Dinge aus der „Vorkriegszeit" jetzt der Öffentlichkeit mit ihren neuen Geisteserzeugnissen vor- zusetzen pflegen, indem sie auf diese Art zugleich die

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Aufmerksamkeit auf ihre übrigen altern, noch in den Schränken der Buchhändler schlummernden Schriften zu lenken suchen. Sie bemühen sich zu verkünden, daß ihre Philosophie stets eine „Gegnerin jener un- sinnigen Geschichtsphilosophie und der Lehre von der Immanenz vs^ar, die in den letzten Zeiten vorherrschte und endlich in den gegenwärtigen Krieg ausgemündet ist". Es ist mir nicht klar, w^elches Verdienst sie sich damit zuschreiben vv^ollen, oder w^orin die Begründung für die Belohnung liegen soll, die sie anstreben und die in der heiß ersehnten Ehre, gelesen zu werden, besteht. Die Philosophie, die sie angefeindet haben, ist, so wie sie vorher die ewige Idee des Krieges nicht geleugnet hat, nicht über den Krieg, der sich vor uns entwickelt, betroffen, noch schreit sie über den Verrat, den die Tat- sachen an den Idealen verübt hätten. Ich behaup- tete, daß die Geschichte ein Wettbewerb um Macht, aber kein Tribunal eines Friedensrichters, und daß die Berufung an eine abstrakte Sittlichkeit hohles Ge- schwätz sei ; man hat es erfahren, daß alle Völker, auch die am wenigsten kriegerischen oder die am stärksten in gedanklichen Täuschungen befangenen, sich ent- schließen mußten, in den Kampf um die Macht ein- zutreten, mit den Waffen, jedes sein eigenes Haus be- stellend, die eigene Kraft zur Geltung bringend, im vollen Bewußtsein, daß sie von andersher keine Hilfe zu erwarten hätten. Demgemäß ist unsere Philosophie nach wie vor im Einklang mit den Tatsachen, die ihre hingegen, damals wie jetzt, im Widerstreit. Eine Philo- sophie aber, die mit den Tatsachen in Widerspruch steht, ist mehr oder weniger eineschwache Philosophie und um so schwächer, je größer dieser Widerspruch ist. Es scheint mir also das Verlangen nach Anerkennung und Be-

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lohnung von Seiten der Vertreter dieser schwächlichen Philosophie in keiner Weise erfüllbar.

Wie billig, habe ich das Wort „Philosophie" in seinem eigentlichen und strengen Sinn genommen, als Gedankensystem, als Erklärung der Wirklichkeit. Ich weiß aber recht wohl (und habe öfters davon gehan- delt), daß andere alles das „Philosophie" nennen, was per accidens sich den eigentlich philosophischen Fragen zugesellen oder doch mit ihnen vermengen kann : etwa diese oder jene individuelle oder kollektive Gefühlsäuße- rung, diese oder jene Handlungeines Menschen oder eines Volkes, die mitunter dieses Einzelwesen selbst, oder jenes Volk, wohl auch ein anderer, der über sie urteilt, als logische Ableitung der vorgeblichen Philosophie zu verkünden pflegt. Aber sollte es noch nötig sein, die Widerlegung dieses überaus verbreiteten Irrtums zu wiederholen, der das werktätige Handeln als eine logische Schlußfolgerung ansieht, und ihm damit Selbst- willigkeit, Freiheit, Verantwortlichkeit und Eigenart nimmt? Muß eine Philosophie vom Wirklichen in seiner Gesamtheit Rechenschaft ablegen, von Gut und Böse, von Wildheit und Sanftmut, von dem so- genannten Krieg wie vom sogenannten Frieden, wie kann man nur glauben, daß sie den Willen zu dem oder jenem besondern Tun bestimmt, zu der oder jener Form von Handlungen, zu Wildheit oder Sanftmut, zu Frieden oder Krieg, zum Guten oder Bösen.? Und scheint sie in einigen Fällen dergleichen Bestimmungen oder Antriebe zu enthalten, sollte es nicht augenschein- lich sein, daß man dann in diesen eine ungeläuterte, nicht genügend verfeinerte und strenge Philosophie vor sich hat, nicht wirklich und vollständig philo- sophisch, sondern von praktischen Bestandteilen durch-

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setzt, denen, nicht ihr selbst, Tadel und Lob der gewähl- ten besonderen Bestimmung zugehört?

Daraus folgt, daß die praktischen Einflüsse dar- legen, wie sie dieser oder jener Philosoph bietet, nicht den Philosophen beurteilen heißt, sondern den Menschen, der hinter dem Philosophen steckt; es heißt das die Empfindung des Menschen beurteilen, nicht aber seine Philosophie, die vielmehr durch diese Kritik selbst geläutert wird und größere logische Stärke gewinnt.

Trotzdem pflegen die Philosophen sehr häufig (auch von eleganten Geistern, wie Heinrich Heine) als Schöpfer, Förderer oder Rechtfertiger der Taten eines Volkes aufgeführt zu werden; es geschieht das aus naheliegenden Gründen, von denen einer schon erwähnt wurde und der in dem persönlichen werktätigen Ver- halten liegt, das ein Philosoph dem Leben seiner Zeit gegenüber einnimmt. Ein anderer liegt in der Tatsache, daß die Philosophen die praktischen und politischen Aufgaben ihrer Zeit zum Stoff, das heißt zur Triebfeder ihres Denkens machen ; so daß es darum scheint (und der vorbildliche Fall dafür ist Machiavelli), daß sie die Wirk- lichkeit inTat umgesetzt haben, die sie freilich geschaffen oder neugeschaffen haben, allein in der Form des Ge- dankens, als Theorie. Ein dritter Grund ergibt sich end- lich aus der Verbindung der Größe der Philosophen mit der eines bestimmten Volkes oder eines bestimmten ge- schichtlichen Augenblicks, derart daß sie als Sinnbilder dieses Volkes oder dieses Augenblicks dienen : so kann Cartesius als der Philosoph Frankreichs unter Ludwig XIV. erscheinen, Kant (oder Hegel) als jener der begin- nenden Machtstellung Deutschlands im modernen Le- ben; die gleiche Rolle hätten Bruno und Vico gespielt,

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wären sie nicht gerade in den Zeiten politischen Verfalls und Stillstandes des italienischen Volkes aufgetreten. Weshalb gebe ich mir die Mühe, noch einmal auf diese alltäglichen Unterscheidungen zurückzukommen? Vor allem, um die Freiheit der Philosophie in Schutz zu nehmen, die schwer bloßgestellt wäre, wollte man sie mit der Politik der Philosophen und der verschie- denen Völker, denen sie angehören, vermengen, sie mit dieser zusammen richten und bekämpfen : ebenso aber auch, um die Freiheit zu verteidigen, die jedem Men- schen, sei er nun Philosoph oder nicht, zukommt, von Fall zu Fall sein praktisches Verhalten , wie es ihm gut scheint, zu bestimmen, ohne Furcht, seine Philosophie durch seine möglichen politischen Torheiten bloßzu- stellen und ohne die Hoffnung, sie aus seinen allfälligen Voraussagen Nutzen ziehen zu lassen.

KLASSIK UND ROMANTIK (Mai I Sept. 1916).- Sogar in der literarischen Kritik beginnen sich die „Torheiten der Kriegszeit" geltend zu machen, da von neuem der Gegensatz zwischen Klassischem und Romantischem, zwischen lateinischer und germanischer Kunst hervorgeholt wird, den wir bereits für immer los zu sein glaubten. Das Seltsame daran ist, daß dieser Gegensatz durch Leute wieder hergestellt wird, die das Schlagen ihres Herzens für die „Internationalität" und „Humanität" nicht stark genug hervorzukehren wissen ; von einem im politischen Felde unmöglichen Inter- nationalismus und Humanitarismus träumend, erheben sie gleichzeitig die frevelnde und entweihende Hand gegen die wirklich bestehende Internationalität und Menschlichkeit: jene von Wissenschaft undKunst.Aber das geht sie allein an: sie haben Papier vergeudet und be-

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schmiert, und die Sache wird ihnen nicht zur Ehre aus- schlagen. Für unseren Teil halten wir an dem von der ästhetischen Wissenschaft, nach langen Versuchen, be- stätigten Grundsatz fest: daß die wahre Kunst weder romantisch noch klassisch ist, das heißt romantisch und klassisch zugleich, das erste, weil aus Gefühlsleben quellend, das zweite, weil sie dieses Leben zur Kunst- form verklärt; daß Romantik und Klassik mithin zwei einander entgegengesetzte Fehler darstellen, die abwechselnd als Heilmittel der einen für die andere angestrebt werden : so daß, wenn das Klassische zum Klassizismus erstarrt, es vom Romantischen be- richtigt wird, das als ein revolutionäres und fortschritt- liches Wesen emporkommt; verliert sich das Roman- tische im Wirrwarr entfesselter Leidenschaft, so wird es vom Klassischen gebändigt, das ihm in Erinnerung bringt, daß Kunst Klarheit oder Vollkommenheit des Ausdrucks ist. Klassische und romantische Augen- blicke gibt es demnach nicht nur bei jedem Volk und zu jeder Zeit, sondern in jedem Künstler, der nur dann wahrer Künstler ist, wenn er den Gegensatz überwindet, derart, daß er weder als Klassizist noch als Romantiker mehr aufgefaßt werden kann. Das Klassische in den lateinischen, das Romantische in den germanischen Völkern verkörpern zu wollen, kann mitunter zu ge- wissen erfahrungsmäßigen Scheidungen nützen, zeigt sich aber sofort als grobschlächtig und ungeeignet, wenn man sich auf die Einzelheiten einläßt. Ich habe das schon vor zehn Jahren klargestellt, als ich von der Gegenüberstellung ^^Germanischer und lateinischer Dichtung^'- handelte (vgl. Probleme der Ästhetik^ S. 158—64); dort habe ich auch auf die Trugschlüsse und Wortspielereien hingewiesen, zu denen man griff,

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um diese wenig begründete Unterscheidung in den Einzelfällen festzuhalten. Die neuesten Untersuchungen könnten reichlich die bereits angeführten Beispiele ergänzen ; hat man doch in diesen Tagen gesehen, wie dem deutschen Volk seine größten Künstler, so Goethe und Beethoven abgesprochen wurden, als angeblich „universelle, nicht deutsche Genies" und ihm dafür alle unsere Künstler anfechtbarster Art zugeteilt wurden, als „deutsch dem Geiste, wenn nicht der Geburt nach" ! Allein die neuen Anhänger des Klassizismus und Feinde der Romantik gehen weit über die künstlerische Gegnerschaft hinaus, die bloß eine Seite ihrer Polemik darstellt und haben nicht mehr und nicht weniger im Sinne, als das sittliche, gesellschaftliche und politische Leben von der romantischen Seuche zu heilen, die von den Deutschen aus über Europa gekommen sein soll. Darin äffen diese Italienschwärmer allerdings gewöhn- lich französische Muster nach und bilden sich vermut- lich ein, daß sie allein gelesen hätten, was wir alle kennen : die Bücher von Maurras, Lasserre, Valois, die Revue critique des ide'es und andere durchaus nicht sel- tene Werke. Hätten sie aber auch die italienischen Bücher aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahr- hundertsgelesen, die von Rosmini undGioberti, auch die von Botta und Niccolini, so hätten sie erfahren, wie alt die Antriebe zu dergleichen Polemiken sind, und sie hätten lange vor Lasserre, Maurras und andern Fran- zosen von diesen alten Italienern die Anklagen gegen die Romantik, gegen den Sensualismus, Panthe- ismus und ähnliches hören können; ja sie können sie sogar in der ^^Zuwage^^ (Giunta alla derratd) gesammelt finden, die Carducci und seine der Romantik abgeneig- ten Freunde 1856 herausgaben, und die jetzt, zur guten

Stunde, wiederabgedruckt worden ist. Diese Zusammen- stellung soll nicht bloß einen zeitlichen Vorrang fest- legen, sondern vor allem die wahre Beschaffenheit jener Anklagen erkennen lassen; denn so wie sie vorlängst in Italien von katholischen oder sonstwie rückschritt- lich gesinnten Schriftstellern herrührten, so jetzt in Frankreich von reaktionären Schriftstellern, die sich zwar nicht als Katholiken zu geben wagen, aber es doch gerne täten, und vorderhand einem politischen Katholizismus das Wort reden. Nehmen wir das Buch von Lasserre, gewiß eine scharfsinnige und wirksame Schrift, reich an verständigen Beobachtungen, die aber jedem, der durch die Oberfläche zu sehen versteht, so- fort zwei Irrtümer aufdeckt, die letzten Endes auf einen einzigen hinauslaufen: die Voraussetzung der Jenseitigkeit, demgemäß das wahre menschliche Leben im Himmel der Ideen sein ewiges Vorbild besäße; dann den Mangel an geschichtlichem Sinn, demgemäß das sittliche Romantikertum als eine Verirrung oder Entartung angesehen wird, aus der heraus die Rettung möglich sei durch die Rückkehr zu irgend einer un- bestimmten Ethik „Altfrankreichs". Alles eher denn geneigt oder wohlwollend dem sittlichen Romantiker- tum gegenüber (derart, daß mir seit Jahren fortwährend der Vorwurf des Intellektualismus, der Gefühlskälte, des Autoritätswesens und so fort gemacht wird), ver- mag ich mich doch nicht der Tatsache zu verschließen, daß die Romantik, die das ganze neunzehnte Jahr- hundert im Banne gehalten hat und noch immer die Gemüter bewegt, eine große Zeit des menschlichen Geistes gewesen ist, die ihren entfernten Usprung im Christentum, wenn nicht noch weiter zurück hat und vielleicht erst jetzt an ihren endgültigen Abschluß

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gelangt ist, da sich da und dort die Umrisse neuer geistiger Bildungen zeigen, die dem sittlichen Leben neue Gestalt geben werden, jedoch über die Romantik hinaus und sich ihrer bedienend, niemals aber in ihrem Bannkreis und im vergeblichen Streben Geschehenes ungeschehen zu machen. Daß diese Gestalt in allzu vereinfachender Weise durch die Rückkehr zur Sittlich- keit „Altfrankreichs" erw^eckt werden könnte, zum Königtum, dem Blutsadel, der Geistlichkeit als politi- scher Macht, zur Akademie und zu Boileau, das ist Literateneinbildung ; daß sie nach dem Kriege mit einem Es werde in die Erscheinung treten könne, dank dem festen Entschluß, jeder Berührung mit dem krankhaften Deutschtum auszuweichen, ist Geschwätz von Feder- helden, die ihren Aufsatz zusammenflicken müssen und die Umgestaltung der Welt für ebenso leicht und jeder gedanklichen Anstrengung ledig halten als den Artikel, den sie gerade hinsudeln. Die Arbeit ist hart genug, tatsächlich über die zerrissene romantische Gemütsverfassung, über Fausts zwei Seelen hinaus- zukommen, sie ist hart, langdauernd und vielfältig, und alle Menschen aller Teile Europas sind an ihr seit einem Jahrhundert beteiligt, durch Leiden und Irrtümer hin- durch, mit den Bekenntnissen in Dichtung und Roman, mit den Forschungen der Philosophie, mit der sittlichen Erziehung, der wirtschaftlichen Zucht, den gesellschaft- lichen Reformen ; wer den wohltätigen Trieb zu diesem Ziele hin empfindet, darf nicht anders als irgendwie an dieser Arbeit teilnehmen, um sich als „ernstzu- nehmender" Mensch zu bewähren. Aber es ist nicht Sache ernsthafter Leute, vorzugeben, das Übel des sitt- lichen Romantikertums sei ausschließlich in dem Volke, gegen das man gegenwärtig Krieg führt, zu finden,

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bei jenem Volke, das länger in ihm gelebt hat, aber kraft- voller und glücklicher als jedes andere sich seiner zu entledigen gesucht hat, und sich die Befreiung von der Romantik etwa wie einen kleinen Artikel, der in den künftigen Friedens- oder Siegesvertrag aufgenommen würde, vorzustellen. Dazu bedarf es wahrlich ganz an- derer Dinge!

DIE NEUE AUFFASSUNG VOM LEBEN

{Mail Sept. igi6). Wäre es mir jemals möglich zu denken, das, was man die „lateinische" Auffassung von politischem und geschichtlichem Leben nennt, das heißt das Ideal von internationaler Gerechtigkeit, Brüder- lichkeit und Frieden, sei, ich sage nicht überlegen, so doch mindestens ebenbürtig dem, was man „ger- manisch" nennt, das ist dem Ideal des Lebens als eines fortwährenden Kampfes, das in diesem meist mit seiner Begründung auch seine Beruhigung findet; gelänge es jemandem, mir dies zu beweisen, so hörte ich auf zu schreiben, wie ich es tue und hielte es von da ab für meine Pflicht, mich den vielen andern zur Verteidigung des lateinischen Ideals zuzugesellen, das theoretisch dem germanischen gleichwertig wäre, dennoch aber für uns praktisch höher stehend, gerade weil es unser ist. Leider verhält es sich aber nicht also; denn diese beiden sind durchaus nicht der Ausdruck zweier verschiedener Rassen, wie die Nichtswisser sich einbilden, die so von Nationaldünkel oder von metaphorischen, aus beson- deren Fällen abgeleiteten Stammesbezeichnungen sich täuschen lassen, sondern sie sind zwei Formen, Stufen oder Abschnitte des Gemüts- undGeisteslebens, wie wir alle wissen, die wir nach langen Arbeitsjahren dazu ge- langt sind, uns in Probleme der Geschichte zu vertiefen.

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Zwei Abschnitte: der erste davon (das sogenannte lateinische Ideal) ist noch der theologische Zeitraum mit dem Ziel des himmlischen Paradieses, wie bei den Katholiken, oder des Paradieses auf Erden, wie bei den Jakobinern und Demokraten jeder Färbung, er wird in der Zeitrechnung dort als Mittelalter, hier als acht- zehntes Jahrhundert bezeichnet. Der andere hingegen (das sog. germanische Ideal) ist der wahrhaft mensch- liche Zeitraum, in dem das Paradies sowohl im Him- mel als auf Erden geleugnet wird, und die wahre Gottes- oder Vernunftstadt sich als die Geschichte selber darstellt. Dem ersten dient noch die Scholastik, die Vorstellung vom Naturrecht und der Intellektualismus, überhaupt die Philosophie, die sich im extremen Karte- sianismus und in der Ency klopädie erschöpft,dem zweiten die Dialektik, die historische Richtung, der Idealismus, die Philosophie, die in Deutschland durch Kant, in Italien durch Rosmini und Gioberti eingeleitet wurde; beherrscht nun der Gedanke die Welt (wie alle sagen, aber nicht immer mit der Tat bekräftigen), ist es dann nicht klar, daß die Form geistigen Lebens, die von einem überlegenen Gedanken geleitet wird, auch in ihrer Gesamtheit der überlegen ist, die sich nach einem tieferstehenden Gedanken richtet? Diese Überlegenheit wird durch die Auflehnung bezeugt, die sich schon seit Jahren in den lateinischen Ländern gegen die demo- kratische Ideologie bemerkbar machte, und ihren Na- men bald von den verschiedenen Nationalismen, bald sogar vom Sozialismus und Syndikalismus entlehnte; wenn aber diese Versuche auch in ihrer Eigenschaft als Anzeichen sehr bemerkenswert sind, wohl auch noch als etwas mehr, nämlich als satirisch-leidenschaft- liche Verneinungen jener Ideologie, so zeigen sie doch

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deren Schwäche, die einen mit ihrer Hinneigung zu mehr oder weniger literarischen Sehnsüchten nach unmögHchen Rückschritten und Restaurationen, die andern mit ihrem Anschluß an den Klassenkampf, das heißt an eine einseitige und enge Auffassung der Ge- schichte, als welche die verschiedenartigsten und gröb- sten Angelegenheiten ausschließlich des Proletariertums behandelt. Aber es ist nicht nötig, sich in die Über- treibungen der Nationalisten wie Syndikalisten zu ver- lieren, um zu erkennen, daß die Linie der Geschichte zur Idee des Lebens als Selbstzweck und ewiger Tat, durch die der Mensch und die menschliche Gesell- schaft sich ewig erneuen, hinleitet. Ist das richtig, und bisher hat noch niemand beweisen können, daß es nicht richtig sei (die Gefühlsgründe, die Schimpfreden und ähnliche Albernheiten zählen dabei nicht mit), so würden wir, die wir diese Wahrheit gehegt haben und denen in unmittelbarerer Weise das Amt, diese zu be- hüten, zukommt, unseren Überzeugungen untreu wer- den und eine schmähliche Handlung begehen, wenn wir das sogenannte übel sogenannte lateinische Ideal gegen das ebenso übel benannte germanische ins Treffen führen wollten. Freilich meinen etliche, daß zum Nutzen des Krieges und des Vaterlandes aujch das Opfer unserer wissenschaftlichen Überzeugungen erforderlich sei; allein, die so sprechen, denken nicht über diese ihre Worte nach. Täten sie es, so müßten sie sogleich einsehen, daß sie, setzen sie ihr Vaterland in Widerspruch mit der Wahrheit, damit die Verur- teilung ihres Vaterlandes aussprechen, das im un- gleichen Kampf mit der Wahrheit notwendig unter- liegen muß. Dem eigenen Volk, das in größerem oder geringerem Maße in trügerische oder wirre Gedanken

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verstrickt ist, leistet man nur dann einen Dienst, wenn man die falschen Meinungen richtig stellt und die ver- worrenen aufhellt, in dem ruhigen Bewußtsein, daß nichts von dem, was wohltätigen Einfluß gehabt hat, verloren geht, vielmehr seine Wirksamkeit wächst und an Kraft gewinnt. Denn wer vermöchte im Ernst zu glauben, daß unser Land jetzt für etwas anderes kämpft als für sein Heil und seine Volkskraft, bewußt, damit sein würdig Teil an der Geschichte zu nehmen, ent- schlossen, sich um keinen Preis in die Reihe der un- tätigen und der Völker zweiten Ranges verweisen zu lassen ? Die Reden in den Versammlungen, Umzügen, Festmählern mögen verschiedenen Klang haben ; allein jeder hört aus ihren Klängen die tatsächlichen Emp- findungen heraus, empfindet hinter den Bildern die Tat- sachen, die sich unter ihnen verbergen oder in sie hineingelegt werden müssen. Wehe, wenn er nicht also täte! und wehe, wenn er die herkömmlichen Redensarten als etwas Wirkliches nimmt, und die Hand- lungsweise, die er seinem Lande empfiehlt, logisch daraus ableitet, das heißt in Albernheit und Verderben zu stürzen sucht. Gerade weil unter den Intellektuellen und Politisierenden diejenigen allzu zahlreich sind, die sich dieser üblen Ratschläge schuldig machen, ist es notwendig, daß sich gegen sie andere erheben, die diesen Verrat an der Wahrheit, der zugleich auch Ver- rat am Vaterlande ist, verhindern. Mein Glaube an die Vorzüglichkeit des historischen Ideals (man lasse es mich mit seinem wahren Narrien und nicht unter seinem ethnischen Gleichniswort nennen), an das geschichtliche und kämpfende Ideal des Lebens ist so groß, daß ich überzeugt bin, daß in diesem Kriege die lateinischen Völker und das verbündete und demo-

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kratisierte England, statt ihr demokratisches oder para- diesisches Ideal zu stärken, es vielmehr allmählich zu zerstören im Begriffe sind, um sich selbst zu stärken, und daß sie sich, nach Schluß des Krieges, in einer gar sehr veränderten Geistesverfassung befinden w^erden, viel w^eniger demokratisch und phantastisch, als sie v^aren und zu verbleiben glauben, viel „militaristischer", das heißt kriegerischer, als sie es seit langer Zeit v^aren. Ich habe außerdem noch einen andern Grund, der mir verbietet, das geschichtliche Lebensideal mit Deutsch- land gleichzusetzen, das es in den letzten Zeiten ohne Zw^eifel besser als andere Völker verkörpert hat ; denn, vsräre diese Gleichsetzung richtig, müßte ich schließen, daß Deutschland, w^ie immer der Krieg auch ausgehe, sein Ideal zur Anerkennung gebracht und seine geistige Führerschaft geltend gemacht habe. Allein mein Glaube und meine Hoffnung gehen dahin, daß v^ir alle, Italiener, Franzosen und Engländer, aus unserm eigenen Innern, aus dem Grunde unserer Menschlich- keit, jene Kräfte hervorbringen v^erden, die w^ir haben unterdrücken, herabsetzen und schv^ächen lassen, und daß wir eine gesündere europäische Gesellschaft w^er- den aufrichten helfen, in der kein Vorv^and und keine Versuchung mehr gegeben sein wird, das geschicht- liche und kämpfende Lebensideal „deutsch" zu nen- nen, weil es, europäisch geworden, zu gleicher Zeit von dem geläutert sein wird, was es zufällig an besonderem, stofflichem und grobschlächtigem Deutschtum enthal- ten hat. Was haben wir (so viele oder wenige wir gewesen sind oder noch sind) auf dem Felde der Forschung getan? Haben wir vielleicht denen Gehör geschenkt, die uns schon im Verlaufe unserer völkischen Wieder- erhebung aufgefordert haben, uns an die ehrwürdige

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„italische" Weisheit, an Pythagoras, an Zenon von Elea, an Thomas von Aquino oder Marsilio Ficino zu halten, und die Ohren vor den Lockungen der teutonischen Sphinx zu verschließen? Nein, wir haben vielmehr die Ohren recht weit aufgetan vor jenen neuen, seltsamen Stimmen; und ohne sie nachzuäffen, haben wir uns ihrer Unterweisung bedient, um eine neue Philosophie hervorzubringen, die nicht die des vergangenen alten und ältesten Italiens ist, aber auch nicht die Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert. So wird es, so muß es auch im politischen Leben in England, Frankreich, Italien geschehen; unsere nationale Eigenliebe würde vortrefflich für sich selbst sorgen, wenn sie uns den Vorrang oder vielmehr den Vortritt in der selbstän- digen Tätigkeit zu sichern suchte, und wenn sie uns Italiener, schlecht und recht ausgedrückt, dazu führte, daß wir ein gutes Beispiel einer modernen Einstel- lung und Haltung des Denkens und WoUens gäben.

NOCH EIN WEITERES {September 1916).^) - Ich will eine Artikelfolge Crispoltis erwähnen, damit man nicht sagen kann, ich schweige über die gegen mich gerichteten Kritiken, während ich in Wahrheit von jenen (und es ist die Mehrzahl) schweige, die nicht Kritiken, sondern Torheiten und Beleidigungen sind und mich zu Entgegnungen verleiten müßten, die im gegenwärtigen Zeitpunkt mehr als jemals erbärmlich und zu vermeiden sind. Crispolti freilich begründet seine Kritik sehr gut: nur hängt der Faden seiner Darlegungen an der christ- lichen und katholischen Auffassung, die sicherlich, wenn man sie sich zu eigen macht, die von mir vertretene

^) Anläßlich einer Folge von Artikeln, die Crispolti im Momento dt Torino (9. August fF.) veröffentlicht hatte.

10 Croce, Randbemerkiingen eines Philosophen 14.^

Lehre nicht verträgt; lehnt man sie jedoch ab, so bleibt der von Crispolti angesponnene Faden in der Luft. Es ist unbestreitbar, daß die einzige Auffassung, von der aus man das Leben als einen Kampf um die Macht leugnen kann, die jenseitige christliche ist, die die Menschen auffordert, in Frieden und Brüderlichkeit miteinander zu leben und mit so wenig Sünden als möglich diesen Weg der Pilgerschaft zurückzulegen, der die Welt heißt; ich bin sogar gerade w^eil ich die Erhabenheit einer solchen Auffassung verstehe und fühle, so unerbittlich gegen die andere humanitär- freimaurerische, die nicht ihre Gegnerin, v^ie sie sich einbildet, sondern ihr Zerrbild ist, da sie Frieden, Ge- rechtigkeit und allgemeine Verbrüderung der Welt predigt, aber der Predigt ihre Stütze nimmt, die eben in der Voraussetzung eines Jenseits liegt. Die wahre und eigentliche Gegnerin der christlichen Auffassung ist aber die von der Wirklichkeit als einer Entwicklung und eines Kampfes, der nicht, wie manche glauben, eine Ausnahme von der Moral zugunsten der Politik fordert, sondern im Gegenteil dem Einzelwesen die strengste sittliche Pflicht auferlegt, die Politik un- abhängig von der Sittenlehre zu behandeln (so wie es strengste sittlicheP flicht des Künstlers oder Forschers ist, auf die ästhetische oder logische Vollkommenheit seines Werks bedacht zu sein, ohne sich von nicht zur Sache gehörigen sittlichen Wallungen abziehen zu lassen). Mit andern Worten, das Einzelwesen ist berufen, an dem leidensvollen Geheimnis des Werdens der Wirklichkeit teilzunehmen, darum auch an dem ewigen Kampf, der von der alltäglichen Reibung bis zum be- waffneten Widerstand oder dem Krieg reicht; es kann sich nicht anmaßen, die Gesetze die göttlichen Ge-

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setze - der Welt zu ändern, sondern muß allein die Sache des Volkes, von dem es einen Teil ausmacht, verfechten und den Posten, der ihm von seinen be- sonderen Bedingungen her angevvriesen vvrorden ist, bis zum Äußersten behaupten: im Vertrauen darauf, daß aus seinem ehrlich und streng erfüllten Wirken das größtmögliche Gute sprießen wird. Aber diese Auf- fassung ist religiöser Art! w^ird man sagen. Wies euch gefällt^ aber sie gehört dann zu jener Religion, die zugleich Philosophie ist.

VON ITALIENS GESCHICHTE {Critica XIV, Juli igi6). Ich stehe nicht an zu sagen, entgegen den herkömmlichen Vorurteilen und Redensarten der land- läufigen Geschichtsschreibung, und v^eiche damit gleich- wohl nicht von dem tiefen Allgemeinbewußtsein ab, daß die italienische Geschichte keine alte und jahr- hundertlange, sondern eine neue, keine geräuschvolle, sondern eine bescheidene, keine glänzende, sondern eine von Mühsal erfüllte ist.

Neu: das heißt es muß aus ihr nicht nur wie es die Geschichtsschreiber des romantischen Zeitraums versuchten die Geschichte Altroms ausgeschieden werden, sondern auch die mittelalterliche der Stadt- gemeinden — die jene Geschichtsschreiber hingegen in enge Verbindung mit ihr brachten, ferner selbst die Renaissance, deren wir uns erst später zu rühmen be- gonnen haben. Diese drei oder zwei (wenn man die Geschichte der Stadtwesen und der Renaissance als eine einzige betrachtet) großen Geschichten sind längst vollkommen überwunden und, ist der Ausdruck erlaubt, verdaut, und obwohl sie für immer der allgemeinen Geschichte der Menschheit angehören, so gehören sie

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doch nicht mehr unserer eigenen wirklichen und be- sondern Gegenwart. Ist das ein Paradoxon? Nicht im geringsten ; das ergibt sich aus den Worten der Erzähler und Verherrlicher jener Geschichten selbst, in denen Italien nach